Zeit – ist relativ

Vor knapp einer Woche wurde mein großer Sohn 10 Jahre alt. Unfassbar, dachte ich, wo ist denn nur die Zeit geblieben? Was haben wir in diesen Jahren alles erlebt? Neun Fotoalben erzählen ihre eigene Geschichte. Jetzt sind auf dem Kuchen zum ersten Mal zwei Geburtstagskerzen, und dabei kann ich mich noch so genau an den Tag der Geburt erinnern, als wäre es gestern gewesen. Was ist „Zeit“ eigentlich?

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Physikalisch gesehen ist Zeit das, was Uhren messen. Dabei ticken diese noch nicht einmal im selben Takt. Alberst Einstein hat behauptet, dass Zeit relativ ist. Soll heißen, Uhren ticken unterschiedlich schnell, je nachdem, wie schnell sie sich im Raum bewegen. Mir ist diese Art von Zeitmessung natürlich viel zu wissenschaftlich. Ganz subjektiv betrachtet, empfinde ich Zeit mal schneller, oder auch kriechend langsam.

Wenn ich mich zum Beispiel an den Tag der Geburt meines Sohnes erinnere, dauerte es für mich eine gefühlte halbe Ewigkeit, bis mein Mann, der an diesem Tag arbeiten war, weil unser Baby eigentlich erst fünf Wochen später kommen sollte, im Krankenhaus an kam.

Es war acht Uhr morgens, als ich auf der Toilette sitzend plötzlich ein lautes „Plopp“ vernahm. Es klang, als ob ein Sektkorken aus einer Flasche sprang. Da ich jedoch keine solche Flasche bei mir hatte, und wenige Sekunden nach dem Geräusch, ein großer Schwall Wasser in die Toilettenschüssel schwabbte, kam ich ins Grübeln. Was hatte das zu bedeuten?

Natürlich „kannte“ ich aus entsprechender Fachliteratur die Schilderung eines Fruchtblasensprungs, aber der war in meinem Fall ja eigentlich zu früh dran. Deshalb ging ich erst einmal unter die Dusche, bevor ich meine Frauenärztin anrief. Es hieße, ich solle besser vorbei kommen. Okay, ich also ins Auto und zur Praxis gefahren.

Ja, meinte meine Ärztin, es sei eindeutig ein Fruchtwasserverlust messbar, sie würde mich jetzt ins Krankenhaus überweisen. Ob ich mit dem Krankenwagen fahren möchte? Nein, um Gottes Willen, damit fahre ich nicht, war meine Antwort. Ich hatte ja überhaupt keine „Babygeburttasche“ dabei, geschweige denn zuhause gepackt stehen. Außerdem wäre mein Auto im Parkhaus, das müsse ich zurück fahren. Lauter logische Gründe, fand ich, weshalb die Fahrt im Krankenwagen nicht passend sei. Dass es für mein Kind gefährlich werden könnte, kam mir nicht in den Sinn. Meine Ärztin schien auch keinerlei Bedenken zu haben (sie ist mehr als gewissenhaft), somit fuhr ich nach Hause, packte meine Tasche und rief ein Taxi. Und natürlich rief ich auch meinen Mann an: “Schatz, unser Baby kommt JETZT! Lass alles stehen und liegen und komm ins Krankenhaus!“.

Wenige Minuten später rief Philipp zurück. Er sei auf dem Weg. Wo er überhaupt hinkommen soll? Ach ja, das hatte ich vor lauter Aufregung ganz vergessen zu sagen. Gerade als ich ihm die Adresse nannte, klingelte es. Das Taxi war da. Der Fahrer fragte, wohin er fahren dürfte. Meine Antwort:“ Ins XY-Krankenhaus, etwas schneller wenn es ginge, mein Baby kommt gerade“. „Ach du heilige Scheiße“ war seine Antwort „ bitte gedulden Sie sich noch etwas bis wir dort sind, okay?!“ Und damit drückte er aufs Gaspedal. Mit den „erlaubten“ 90 – 100 km/h sausten wir innerhalb weniger Minuten von A nach B.

Bezahlt habe ich die Taxifahrt bis heute nicht. Ich dachte nicht daran, und gesagt hat der Fahrer auch nichts. Mit meiner Tasche unter dem Arm ging ich zum Empfang der Geburtsklinik. Ich müsste zum Kreissaal, meinte ich. „Da zum Aufzug, 1. Stock“ erhielt ich als knappe Antwort. Wow, wie unfreundlich!

Oben angekommen, stand eine junge Schwester am Aufzug. Die Dame vom Empfang hätte mich angemeldet. Oh, doch nicht unfreundlich! „Hallo, was kann ich für Sie tun?“ fragte mich die junge Schwester. „Ich glaube, ich habe einen Blasensprung. Darf eigentlich nicht sein, denn der errechnete Geburtstermin ist erst in fünf Wochen“ antwortete ich. Und genau, als ich das äußerte, kam ein neuer Schwall Wasser aus mir heraus geschwubbert. „Sie glauben nicht, Frau Bruckmann, Sie HABEN einen Blasensprung“ lächelte mich die Schwester sehr verständnisvoll an. „Kommen Sie mit, Frau Bruckmann, ich begleite sie in ihr Zimmer“. All dies erlebte ich, als ob ich wie eine Beobachterin neben mir stünde. Zeitgefühl hatte ich gar keines mehr. Ich lebte im hier und jetzt. Jeden Augenblick einzeln.

Bis mein Philipp endlich bei mir war, hatte ich das Gefühl, die Zeit sei stehen geblieben. Alle 3,5 Sekunden, die sich für mich wie Stunden anfühlten, fragte ich die nette Schwester:“ Ist mein Mann schon da?“. Und ich bekam Sekunde für Sekunde die gleiche nette Antwort:“ Nein, Frau Bruckmann, aber er kommt bestimmt gleich.“. Wieder und wieder die gleiche Szenerie. „Ist mein Mann da?“, „Nein, Frau Bruckmann, aber er ist bestimmt gleich da“.

Und dann war er da! Erleichterung pur, meinerseits (bei der Schwester bestimmt auch, obwohl sie nie unfreundlich geworden ist). Ich konnte mich fallen lassen. Nun regelt Philipp alles, das wusste ich. Ab diesem Moment verflog die Zeit.

Um 14.30 war unser kerngesunder Sohn da. 47 cm groß, 3,7 kg schwer. Die Lungen arbeiteten einwandfrei. Unserem Baby ging es, trotz zu früh, hervorragend!

Wenn wir die Zeit nicht mir der Uhr messen, sondern uns vorstellen, dass selbige ihren Ursprung in der Vergangenheit hat und auf eine Zukunft zu steuert, dann ist Zeit das, was zwischen diesen beiden Polen passiert. Bemerkenswert ist dabei, dass die Zeit in unseren Empfindungen nur eine Richtung kennt. Nämlich immer von der Gegenwart in die Zukunft. Die Zeit lässt sich nicht stoppen. Und schon gar nicht zurück drehen!

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Da wurde das Baby geboren und wuchs heran. Kam in den Kindergarten. Der Bruder erblickte das Licht der Welt. Nach dem Kindergarten ging mein großer Sohn seinen Weg weiter in die Schule und „bald“ fährt der Bursche mit seinem ersten Auto durch die Stadt. Ist das nicht „Wahnsinn“?

Mir hat einst meine Abteilungsleiterin, im Leben vor den Kindern, gesagt:“ Mia, die Zeit zwischen 30 und 40 ist die schönste! Da musst du jede Minute auskosten“. Nun, ich stecke da mitten drin. Und außer Windeln wechseln, Fläschchen geben, kranke Kinder pflegen etc. habe ich wenig an Erinnerungen, die entspannt oder gar phantastisch gewesen wären.  Dennoch ist es eine Zeit, die ich auf keinen Fall missen möchte!

Kennt ihr diesen Wunsch, etwas noch einmal tun zu können. Nur anders! Um ein Ereignis abzuwenden, zu verändern, zu verhindern? Zeit ist dann das, zwischen Ursache und Wirkung.

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Ich erinnere mich zum Beispiel an ein Ereignis aus meiner Kindheit. Es war Ostersonntag. Meine Eltern waren mit uns Kindern und meinem Meerschweinchen, namens Strupps Napoleon dem I., auf einer großen Wiese. Das Meerschweinchen sauste munter zwischen uns hin und her, vor Begeisterung laut quiekend, als plötzlich aus dem Nichts ein fuchsroter Langhaardackel auftauchte. Er packte unseren Strupps im Genick, schüttelte, und das Meerschweinchen war tot. Wir Kinder schrien. Mein Vater auch! „Wem gehört dieses Scheißvieh“ brüllte er „komm her du Ratte! Ich drehe dir den Hals um!“. Dabei rannte er hinter dem Dackel her und versuchte ihn zu fangen. Das Tier suchte Schutz bei seiner Besitzerin, einer älteren Dame, die vor lauter Entsetzen in Ohnmacht zu fallen drohte. Was hätte ich darum gegeben, die Zeit verändern, die Zeit zurück drehen zu können!

Zeit ist auch niemals gleich. Mal laufen bei uns zum Beispiel die Morgende vor der Schule in aller Ruhe ab, so dass wir mit allem früh fertig sind, und noch Zeit haben, bis wir los müssen. An anderen Tagen scheint uns die Zeit davon zu laufen, obwohl wir zur gleichen Zeit aufgestanden sind, und der Ablauf ebenfalls nicht verändert ist.

Geht es euch aus so, dass die Zeit im Urlaub meistens als schnell vergehend empfunden wird, dagegen die Heimfahrt als ätzend lange?

Was ist denn nun Zeit? Habt ihr eine eigene Definition? Lasst es mich wissen! Ich freue mich auf eure Kommentare!

16 comments on “Zeit – ist relativ

  1. Gugug meine liebe Mia,
    für 5 Wochen zu früh, hatte dein Sohn aber ein staatliches Gewicht!!! Grins, wie du die Zeit der Geburt umschrieben hast, so genial!!!!
    Ja was ist Zeit???? Für mich hat der Tag zu wenige Stunden! Es könnten ruhig mehr sein, dann könnte ich viel mehr machen! Ich finde, dass die Zeit unglaublich rast, vorgestern war Silvester und gestern Fasching, so kommt es mir zumindest vor. Man zwinkert einmal, Tag rum!!! Total erschreckend! Deswegen sollte nan echt jede Minute nutzen, damit man was vom Leben hat!
    Ich drück dich meine Liebe und danke für den tollen Artikel!

    1. Gugug, du meine liebe Sandra! Ja, die Ärzte im Krankenhaus meinten damals auch, dass mein Söhnchen proper sei. Sie überlegten sogar, ob der errechnete Geburtstermin vielleicht um 14 Tage falsch ist, weil er so “ fertig“ gediehen war. Meine Tage könnten auch ab und zu mehr Stunden haben, manchmal könnten sie auch kürzer sein. Ganz schön “ verflixt “ mit der Zeit!

  2. Wenn etwas schön ist, ist die Zeit zu kurz, wenn etwas schlecht ist, ist die Zeit zu lang…wenn wir nicht lernen, den Moment zu schätzen, zieht das Leben an uns vorbei, ohne dass wir “ gelebt“ haben.
    Es ist dann egal, ob wir ein kurzes Leben hatten, oder ein langes Leben, die Zeit, die uns vergönnt war, war dann dennoch wertvoll.
    Frei nach dem Motto; Don’t dream your life, live your dream.
    Wir wissen ja alle nicht, wann unsere Zeit abgelaufen ist.
    LG Vera

    1. Oh ja, Vera, da stimme ich dir voll und ganz ZU!! Ein sehr guter Aspekt! Das Leben zu leben und zu genießen wird all zu oft nach hinten gestellt. Danke für diesen Kommentar@

  3. Ich finde die Hinfahrt ist der längste Teil am Urlaub, die Rückfahrt hingegen geht eher schnell vorbei. Da hat wohl jeder ein anderes Zeitempfinden :-).

    Schade finde ich, dass Unangenehmes gefühlt länger dauert als Schönes, zumindest ist es bei mir so, anders herum würde es mir viel besser gefallen.

    Die schönste Zeit ist finde ich übrigens immer die, in der man ganz im Moment aufgeht und einfach da ist, ohne groß darüber nachzudenken. Oder Flow-Zeit, die geht zwar rasend schnell vorbei, aber man ist ganz in seinem Tun. So geht es mir manchmal, wenn es gut läuft, beim Schreiben – ich tippe und tippe und tippe und auf einmal sind drei Stunden rum und ich hab zwei neue Kapitel 🙂

    Liebe Grüße

    Claudia

    1. Liebe Claudia, du hast recht! Aber genau dieses unterschiedliche Empfinden macht ja uns so “ menschlich“, findest du nicht? Danke für deinen Beitrag!

  4. Zeit ist so ein Ding, das ich schwer fassen kann. Leider rennt sie seit ich älter werde immer mehr, kaum hat die Woche angefangen, ist sie rum.
    Darum versuche ich mich oft zu entschleunigen, damit die Zeit nicht so rennt.

    1. Ich kenne das, Heike. Besonders wenn die Woche mit Aufgaben und Erledigungen voll gestopft ist, rennt einem die Zeit davon. Deshalb wäre die “ Erfindung “ des 48 Stunden Tages manchmal ganz hilfreich.

  5. Hallo liebe Mia ;-D
    Ein sehr schöner Bericht. Zeit hat man doch immer zu wenig. Zumindest ich. Ich schlafe zu viel, weil ich mich eigentlich immer Nachmittags hinlegen muss und Abend könnt der Tag dann immer noch mehr Stunden haben.

    liebe Grüße Katrin

    1. Liebe Katrin, wenn ich könnte, würde ich mich mittags auch gerne stets etwas hinlegen, aber dazu fehlt MIR die Zeit. Schon verrückt, dieses Phänomen “ Zeit“.

  6. Zeit ist für mich eine Erfindung des Menschen, welche versucht den Verlauf der Dinge zu erklären. Genau genommen gibt es im Universum keine Zeit, hier ist es jetzt so spät und 1-2 Lichtjahre weiter ist hier auf der Erde noch prähistorische Vergangenheit. Zeit ist ein Konstrukt, welches wir betrachten um uns den Tag einzuteilen und das Leben zu erklären.

    1. Deine Gedanken sind interessant! Ein Konstrukt, das stimmt. Irgendwie ist Zeit nicht richtig greifbar, sie ist eine Phänomen…

  7. Ein wirklich gut geschriebener Beitrag, der zum Nachdenken anregt. Ja, Zeit ist relativ – mal hat man zu viel, mal zu wenig. Das Zeitempfinden ist von Situation zu Situation so unterschiedlich, doch gerade die schönen Dinge sind – gefühlt – oft viel zu kurz. An manchen Tagen hätte ich aber auch gern einige Stunden mehr, um all die Erledigungen, die so anstehen, erledigen zu können. Und so rotiert man dann wieder… 😉

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