Was ich euch nicht erzählte

Fakten:

Verlag: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München

Erscheinungsdatum:  Deutsche Erstausgabe 2016

Titel der  amerikanischen Originalausgabe: „Everything I  never told you“

Druck und Bindung: CPI books GmbH

Gedruckt auf säurefreiem, chlorfrei gebleichtem Papier

ISBN: 978 – 3 – 423 – 28075 – 4

 

Über die Autorin:

Celeste Ng (spring: Ing) wuchs auf in Pittsburgh, Pennsylvania und in Shaker Heights, Ohio. Ng studierte in Harvard und machte ihren Master an der University of Michigan. Sie schrieb Erzählungen und Essays, die in verschiedenen literarischen Magazinen erschienen und mit dem Hopwood Award und dem Pushcart Prize ausgezeichnet wurden.  „Was ich euch nicht erzählte“ ist ihr erster Roman, ein New York Times-Bestseller, der, vielfach prämiert, in 20 Sprachen übersetzt wurde und auch verfilmt wird.  

 

Blick ins Buch:

 „Eine Kleinstadt in Ohio, ein Haus, ein See- ein junges Mädchen wird vermisst. Der Junge, der es wohl zuletzt sah, schweigt. Das Mädchen heißt Lydia Lee, entstammt einer amerikanisch-chinesischen Familie: drei Kinder; der Vater Einwanderer der zweiten Generation, Wissenschaftler, Universitätsdozent; die Mutter, Amerikanerin, einst  angehende Medizinerin, hat sich für die Familie und gegen den Beruf entschieden. Lydia ist das Lieblingskind ihrer Eltern, ernsthaft, freundlich, verantwortungsbewusst, eine gute Schülerin. Als sie eines Morgens nicht am Frühstück erscheint, weist zunächst nichts hin auf schwelende Konflikte oder gar auf eine Tragödie.“  

 

Cover:

Die Perspektive ist so, als ob der Betrachter auf dem Rücken in einem Kornfeld liegt und in den Himmel blickt. Der Name der Autorin und der Titel des Romans sind wie eine absteigende Treppe in der Mitte des Buchcovers platziert. Lydia ist ein Mädchen, das sich sehr viele Gedanken macht, und letztendlich daraus ihr Handeln zieht. Ich finde die Covergestaltung somit absolut passend.

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Aufbau und Schreibstil:

Das Buch besteht aus zwölf Kapiteln. Die Sprache ist fließend, gut verständlich und fesselnd. Der Inhalt ist logisch und ohne Verständnislücken aufgebaut. Die Handlung besteht aus unzähligen Strängen, die sich wie kleine Puzzleteile  zusammenfügen um so bruchstückweise die gesamte Geschichte preiszugeben. Dabei wird die Erzählung aus unterschiedlichen Perspektiven und Zeiten geschildert. Die Übergänge sind gleitend. So bekommt die Handlung „Tempo“. Wie ein Schnelldurchlauf erfährt der Leser die Ereignisse, und genau das macht das Lesen spannend. Ich wurde vom „Speed“  erfasst und gefesselt.  Der aufgebaute Spannungsbogen wird bis zum Ende gehalten.

 

Meine Meinung:

Nach dem Lesen war mein erster spontaner Eindruck, dass Familie Lee am besten mit einem Mobile zu vergleichen wäre. Jedes Familienmitglied „hängt an einem Faden“, der mit einer „Stange“ verbunden ist (symbolisch für die untergeordnete Eigenständigkeit eines jeden).  Alle „Stangen“   sind mit einander verknüpft und ergeben zusammen das Gebilde „Familie“. Dabei muss darauf geachtet werden, dass das Gleichgewicht der Komponenten stimmt, sonst gerät das gesamte Gefüge in Schieflage.

Familie Lee besteht aus fünf Individuen, die im Lot schwingen „müssen“, damit das Familiengefüge stabil ist. Wenn wir nun eine Familie als ein System betrachten ergibt sich folgendes:  das soziale System „Familie“ besteht  (nach Lehmann) in seinen Interaktionen  ausschließlich durch Kommunikation. Oder anders gesagt:  das Handeln innerhalb einer Familie wird vom „mit einander reden“ bestimmt. Das heißt, in einer intakten Familie findet ein verbaler Austausch statt. Informationen werden weitergeleitet. Dabei handelt es sich um ein Geben und ein Nehmen.

Aber genau das ist bei Familie Lee nicht der Fall. Das zentrale Problem ist der mangelnde interfamiliäre Austausch. Welche Folgen das mit sich bringen kann, wird von Celeste Ng hervorragend in ihrem Roman dargestellt.

Das Buch machte mich sehr nachdenklich und auf eine gewisse Art auch betroffen. Dabei stellte ich mir des Öfteren die Frage: wie wäre der Handlungsverlauf gewesen, wenn die Familie mit einander kommuniziert hätte?

Die Spannung, die in diesem Roman erzeugt wird, ist subtil. Die bedrückende Stimmung, das Schweigen, das Zurückhalten einzelner Informationen „kriecht“ dem Leser unter die Haut. Dabei schwingt permanent die Frage mit, was mit Lydia tatsächlich geschehen ist.

 

Fazit:

Bei diesem Buch steht sehr viel zwischen den Zeilen. Um diese Schwingungen wahrnehmen zu können, schlich ich mich sozusagen als unsichtbare Beobachterin bei Familie Lee ein und erlebte alles was erzählt wurde mit.  

Celeste Ng schildert ihren Roman häufig aus der „Vogelperspektive“, also so, dass Ereignisse von oben  betrachtet werden.  Dabei bilden Gegenwart und Vergangenheit eine Art „Netz“, in dem die einzelnen Familienmitglieder gefangen sind. Erst Lydias Verschwinden reißt die vorherrschende Starre auseinander.  

Der Roman ist sehr tiefsinnig. Besonnen wird dem Leser das Schicksal der Familie erzählt. Ich bin  deshalb während des Lesens  ab und an in Gedanken versunken. Dabei  beäugte ich gleichzeitig kritisch mein eigenes Familiensystem.

Familie Lee kann symbolisch für viele Familien gesehen werden. „Mit einander reden“ will gelernt und praktiziert sein. Dabei fiel mir ein Zitat ein:“ Verliere nie deine Ziele aus den Augen. Und sag niemals nie“.  Wer danach lebt, ist unversehrt, heil und wohlbehalten.

Die Autorin führt den Lesern jedoch  mit „Was ich euch nicht erzählte“ vor Augen was passieren kann, wenn dieser Lebensgrundsatz nicht berücksichtigt wird.

Der Roman ist in seinem Schreibstil und dem Handlungsverlauf außergewöhnlich. Die Grenzen zwischen Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft  sind bemerkenswert ineinanderfließend.  Großartig ist ebenfalls der permanente Perspektivenwechsel, durch den das Geschilderte eindrücklich und ungewöhnlich wird.   

Die Handlung ist für mich das Beispiel eines gelungenen Familienpsychogramms, denn die Persönlichkeitsbeschreibung der einzelnen Familienmitglieder ist beachtenswert.

Mir hat  „Was ich euch nicht erzählte“ sehr gut gefallen! Aus diesem Grund gebe ich dafür 5 von 5 zu vergebenen Sternen.

 

 

Herzlichen Dank an vorablesen.de und den dtv Verlag, dass ich das ansprechende Buch lesen und rezensieren durfte!   

2 comments on “Was ich euch nicht erzählte

  1. Echt ein schöner Bericht, super geschrieben 🙂
    Das Buch hört sich echt toll an, habe das Lesen gerade erst für mich entdeckt – ich denke drüber nach mir dieses Buch zu kaufen – vielen Dank!

    1. Dankeschön! Das Buch stimmte mich sehr nachdenklich, aber es liest sich wirklich gut. Falls du es kaufen solltest, wünsche ich dir schöne Lesemomente!

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