Rezension: „Mischlingskind“ von Richard Fraysier

Fakten:

Titel: Mischlingskind, Die Geschichte meines Lebens zwischen den Rassen
Autor: Richard Fraysier
Flexibler Einband
580 Seiten
Genre: Autobiografie 
Verlag: CreateSpace Independent Publishing Platform; Auflage: 1.0 (10. Februar 2016)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 1523862483
ISBN-13: 978-1523862481
Größe und/oder Gewicht: 16,5 x 3,7 x 21 cm
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5.0 von 5 Sternen
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Preis: 15,15 Euro

Blog zum Buch: https://www.mischlingskind.com

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Klappentext:

„Die Geschichte von Richard, der als Sohn eines afrikanischen Arztes und einer deutschen Krankenschwester in Bonn der 60er und 70er Jahre aufwächst, führt den Leser durch die emotionalen Untiefen einer zerstörten Kindheit und ihrer Folgen.

Eine mit ihrem Schicksal als Alleinerziehende eines farbigen Kindes überforderte Mutter, die gestörte Beziehung des Sohnes zu einem zunächst verachteten, dann abgöttisch geliebten und früh verstorbenen Vater, eine Gesellschaft, die den Jungen wie einen Fremdkörper immer wieder von sich wegstößt- das ist die Mitgift, die Richard auf seiner lebenslangen, ruhelosen Suche nach seinen Wurzeln, nach Heimat und innerer Sicherheit begleitet.

Dem Elend der Kindheit entronnen, führt die Flucht aus Deutschland den erwachsenen IT-Experten um die halbe Welt- dabei auch ins Land seiner afrikanischen Familie und in ein Amerika der großen Freiheit, das sich jedoch nach dem 11. September 2001 in einen Überwachungsstaat verwandelt, der in jedem zugereisten Fremden die Bedrohung schlechthin sieht.

Eine Suche, begleitet von Hass und Gewalt, Liebe und Hoffnung, Sehnsucht und Verzweiflung, die immer wieder in der bitteren Erkenntnis mündet:

Wer fremd ist oder auch nur so aussieht, ist nicht willkommen. Denn wer anders ist, der ist der Feind. „

Cover:

Der Taschenbucheinband ist aus flexiblem Kartonpapier. Die vorherrschende Farbe ist Braun-Rot. Eine Mischfarbe. Ich vermute, das ist bereits ein Hinweis des Autors auf das Thema des Buches. Herr Fraysier hat die Umschlagsgestaltung selbst übernommen. Auf der Buchvorderseite ist im Mittelpunkt ein leuchtend Gelber Bernstein mit einem eingeschlossenen Insekt zu sehen. Er nimmt damit Bezug auf einen Schlüsselsatz in seinem Buch. Zitat:“ … Das ganze Leben noch vor sich und doch gefangen im Schicksal, wie ein Insekt im Bernstein.“ (siehe S. 533). So scheint sich der Autor auch zu fühlen. Er wurde in sein Schicksal geboren und war/ist darin eingeschlossen, fixiert.

Die Überschrift ist groß und gut in Weiß sichtbar. Es ist ein einziges Wort, das doch das gesamte Dilemma des Autors beinhaltet. Weil er ein Mischlingskind ist, hat er die Last, die dadurch für ihn entstanden ist, zu tragen. Für mich klingt die Überschrift nahezu wie eine „Anschuldigung“ ein „Schimpfwort“. Sie passt deshalb als Buchtitel hervorragend!

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(Das Buchcover ist urheberrechtlich geschützt. Eigentümer: Richard Fraysier. Das Foto darf nicht kopiert werden).

Aufbau, Stil:

Das Taschenbuch beginnt mitten im Leben des Autors. Er ist mit kaum einundzwanzig und auf dem Weg ins Land seiner Väter. Kennzeichnend für das gesamte weitere Werk gibt es auch in diesem Anfangskapitel „Schwierigkeiten“. Sicherheitsbeamte am Flughafen im guineschischen Conakry glaubten dem reisenden Herrn Fraysier nicht, dass er einer der Passagiere des Flugzeuges ist (das wegen eines zu reparierenden Schadens zwischenlanden musste), weil er den Nachweise dafür (Ausweis und alle anderen Papiere) beim Handgepäck im Flieger gelassen hatte. Der Autor befand sich auf dem Flug nach Freetown/Sierra Leone.

Das Buch ist in 44 Kapitel unterteilt, die einen chronologischen Verlauf haben. Beginnend in seiner Kindheit, übergehend in die Zeit seiner Jugend, des jungen Erwachsenenseins bis hin zum „gesetzten“ Alter von 49 Jahren.

Der Schreibstil ist angenehm. Der Satzbau ist teilweise lang und durch Kommata verschachtelt, aber ich hatte zu keiner Zeit Probleme, dem Sinn des Satzes zu folgen.
Der Autor schreibt teilweise ziemlich sarkastisch. Er macht sich das ein oder andere Mal im negativen Sinne über sich selbst „lustig“. Zitat:“ … Trotz alledem lautet in meiner Kindheit ein selbst unter Gelehrten akzeptierter Allgemeinplatz, dass der schwarze Intellekt dem des Weißen von Natur aus unterlegen sei“. (S. 575)

Aussagen, Sätze, Zitate, die dem Autor anscheinend prägnant wichtig sind schreibt er in kursiver Schriftform.

Das Kapitel „Kindermärchen und lustige Filme“ beginnt mit 14 Seiten Filmbildern bzw. Illustrationen von Geschichten, wie zum Beispiel dem „Struwelpeter“ und „Zehn kleine Negerlein“. Der aussagekräftige Satz „Schwarz zu sein ist eine Strafe, wusste schon der Struwelpeter“ (S. 204) macht dem Leser bewusst, wovon dieses Kapitel handelt. Ansonsten sind weitere Fotos aus dem Leben des Autors geschickt im Buch platziert. Sie unterstreichen das Geschriebene auf ihre Weise noch einmal. Meiner Meinung nach wird dadurch eine gewisse Nachhaltigkeit erzielt.

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(Das Foto ist urheberrechtlich geschützt. Besitzer ist Richard Fraysier. Kopieren verboten)

Der Spannungsbogen der Geschichte wird von Anfang an aufgebaut und bis zum Ende des Buches gehalten.

Meine Meinung:

Der Einstieg ins Buch mit der Überschrift „Zwischen den Welten“ machte mich neugierig. Was ist das für eine Story, dachte ich. Ein Krimi vielleicht? Ich war innerlich „darauf vorbereitet“, dass der Autor in wenigen Sekunden am Flughafen los rennt, hinter ihm geschossen wird, und er knapp mit dem Leben davon kommt. Aber nein, nach dieser kurzen Episode folgt über 4 Seiten lang  das Inhaltsverzeichnis. Gut gemacht, finde ich, denn mein Drang mehr zu erfahren, führte mich dazu, die einzelnen Überschriften der Kapitel zu lesen. Ehrlich gesagt war ich danach allerdings verwirrt. Ich konnte nicht, wie es sonst so meine Art ist, daraus ableiten, wie der Verlauf des Buches ist. Spannend! Meine Neugierde ist dadurch gewachsen.

Die Lebensgeschichte von Herrn Fraysier beginnt mit „Fakten“. Er beschreibt wann und wo er geboren wurde. Wer seine Eltern sind.

Der einleitende Satz des ersten Kapitels „Eine glückliche Familie“ spiegelt meiner Meinung nach die nüchterne Erkenntnis des Autors wieder. Er wurde geboren. Er wird sterben. Alles dazwischen ist relativ. Nicht greifbar, schwammig, verworren.

Sein resignierter Satz über die Zeit, die manche Wunden heilt, die aber gewiss den Glauben an die eigenen Unbesiegbarkeit kuriert, blieb mir von Anfang an im „Kopf hängen“. (S. 21)

Anfänglich las ich die Geschichte als außenstehende Beobachterin. Eine Familiengeschichte, die auseinander ging, weil der Vater die Mutter geschlagen hat. Nicht schön! So etwas ist für jedes Kind in höchstem Maße traumatisierend. So auch für Richard Fraysier. Zitat:“ War er für mich vorher auf der Skala irgendwo zwischen Gottvater und Jesus angesiedelt, so rangierte er anschließend definitiv unterhalb von „Arschloch“. (S. 28/29) Kaum lebte der Autor anschließend mit seiner Mutter alleine musste er erleben, dass sie ihre Stimmungsschwankungen immer öfter an ihm aus lies. Er konstruierte sich daraus seine eigene Definition : Wen man liebt, den schlägt man.

Seit dem Eintritt in den Hort wurde „geschlagen werden“ zu seinem Alltag. Und genau ab diesem Moment entwickelte ich Beobachterin gefühlsmäßig eine immer stärker werdende Verbundenheit mit dem Autor. Ich fühlte mit ihm. Ich litt mit ihm. Er wurde in der Grundschule schikaniert. Auf dem Gymnasium. Im Internat. Und was tat er dagegen? Nichts! Er erduldete es, er ertrug die Ungerechtigkeit. Er entwickelte Strategien, um dem größten Übel zu entgehen. Aber er trat keinem wirklich entgegen. Manches Mal war ich geneigt ihm zuzurufen:“ Tu doch was!“ weil ich die mitempfundene Niederträchtigkeit einfach nicht mehr ertragen konnte (wohl wissend, dass er als Kind, Jugendlicher, einzelner Mann nichts gegen eine Gesellschaft und deren fremdenfeindliche Einstellung unternehmen konnte). 

Wahre Liebe hat der Autor nie erfahren. Somit war er selber nicht in der Lage wirklich zu lieben. Zwei Mal öffnete er sein Herz für einen Menschen, und beide Male verlor er selbige an den Tod. Auch dieses ist eine weitere Tragödie in seinem eh längst tragischen Dasein.
Immer wieder hoffte ich, er möge doch endlich auch einmal Glück in seinem Leben haben. Die Chance war gegeben, als er nach seinem Studium den Sprung über den großen Teich nach Amerika wagte. Wie heißt es so schön:“ Neuer Start, neues Glück“. Stattdessen reist er von A nach B. Von „Hü“ nach „Hott“. Kein fester Wohnsitz, keine feste Arbeit, keine feste langandauernde Beziehung.

Mir ging sein Elend fast schon „auf die Nerven“. Es kann doch nicht sein, dass ein Mensch ein Leben lang dermaßen vom Pech verfolgt wird! Doch dann wurde mir klar, dass das äußere Chaos, die Haltlosigkeit, Unbeständigkeit, Wechselhaftigkeit sein Inneres widerspiegelt. Wie außen, so innen. Wie kann ein Kind Urvertrauen, Selbstbewusstsein, innere Stärke entwickeln, wenn es keine Vorbilder, keine festen und liebevollen Bezugspersonen hatte? Wie soll ein Kind Zuversicht entwickeln, wenn ihm immer wieder von der eigenen Mutter gesagt wird, dass ER an allem Elend schuld sei?

Es war nahezu eine Erlösung, dass er doch noch einen treuen Gefährten gefunden hat. Einen, der ihn bedingungslos annahm. Der ihn liebte, wie er war. Sein Hund  Morenga. Wo der Autor auch immer war, Morenga war dabei. Zitat: “Es wäre heilsam für meine Seele gewesen, hätte ich schon früher einen solchen Freund gefunden“. (S. 369)

Fazit:

„Mischlingskind“ ist ein faszinierendes Buch. Ein „anstrengendes“ Buch. Ein Buch, das zum Nachdenken anregt.“ Anders sein“ ist ein mehr denn je aktuelles Thema. Vorurteile unsere permanenten Begleiter. Ich bin sehr froh, dass der Autor bis heute sein Schicksal trägt. Wie sonst hätte er uns dieses tolle Buch schenken können?

 

 

Meine Rezension darf gelesen, aber nicht kopiert und anderweitig veröffentlicht werden. 

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8 comments on “Rezension: „Mischlingskind“ von Richard Fraysier

  1. Danke für diese ausführliche Rezension. Sehr interessant, deine ganz eigene Vorgehensweise und Empfindungen dazu zu lesen. Und das Thema ist wirklich ganz wichtig, besonders da wir derzeit mit den Flüchtlingen auch eine neue Welle des Fremdenhasses erleben müssen.

    1. Ja, liebe Katharina, wer die Situation von Migranten in Deutschland verstehen möchte, sollte dieses Buch lesen. Danke für deinen Kommentar!

  2. Diese Rezension macht tatsächlich “ Lust auf mehr „, zumal das Thema sehr aktuell ist. Durch die Globalisierung wird die Gesellschaft immer mehr “ Multi-Kulti“.
    Der einzige Weg für die Menschheit, ist der gegenseitige Respekt und gegenseitige Wertschätzung , ansonsten wird dieser Planet in Krieg und Chaos untergehen.
    Das Erlebte des Autors sollte unser aller Mahnung sein, es besser zu machen.
    Sicherlich keine leichte Lektüre, aber bestimmt sehr lesenswert.
    Danke Mia für diesen gutgeschriebenen Einblick in dieses Buch!
    LG Vera Roumain

    1. Liebe Vera, du hast Recht! Respekt ist eine Tugend, die in unserer Gesellschaft anscheinend keinen großen “ Wert“ mehr zu haben scheint. Schade!

  3. Mein liebe Mia, danke für diese Rezension, die mich echt gefesselt hat! Ich konnte mich sehr gut in dein Geschriebenes reinversetzen, ohne überhaupt das Buch gelesen zu haben. Wie du mir schön schriebst, ja es ist ein sehr aktuelles und auch sehr trauriges Thema! Leider ist genau das auch ein sehr brisantes Thema und zeigt wieder das Schubladendenken! Ich drück dich aus der Ferne und sage danke für deine tolle Kolumne ❤️

    1. Liebe Sandra, ich danke dir! Ich freue mich, dass auch du kommentiert hast! Ja, Schubladendenken ist ein tolles Stichwort! Immer wieder wird jemand unschuldig zum Schuldigen gemacht. Lernen wir denn nie dazu?

  4. Das klingt nach einem sehr interessanten Buch, ich behalte es mal im Hinterkopf :-). Ich mag es, wenn ein Buch auch mal zum Nachdenken anregt und vor allem auch die Schattenseiten des Lebens beleuchtet.

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