Philipp ante portas

Seit dem reinigenden Gewitter vor ein paar Wochen (lies dazu „Neulich bei Bruckmanns) hat sich bei uns zuhause schon viel verändert.

Nachdem Philipp und ich aus unserer „Wir-reden-Phase“ kamen, um auf Worte Taten folgen zu lassen, hätte ich niemals gedacht, dass mein Tomatenbäuchlein tatsächlich ernst macht und mehr von zuhause aus arbeitet.

Zuerst nahm er sich sein Büro im Keller vor. Dieses diente uns bislang eigentlich hauptsächlich als Abstellraum von Dingen, die nicht unbedingt lebensnotwendig sind, aber auch nicht verzichtbar. Also stapelten sich im Büro die Kisten mit den Christbaumkugeln, dem Lametta und den Girlanden. Ebenso meine Schachtel mit den Bastelutensilien, die ich jedes Jahr zum Beispiel zur Adventszeit benötige, um hübsche Deko  für Haus und  Familie zu basteln. Meine alten Schuhe, die ich nicht mehr trage, aber von denen ich mich nicht trennen kann, die Carrera-Rennbahnen der Kinder und noch so einiges mehr.

Ihr glaubt gar nicht, was Philipp alles aus diesem Raum trug, um seine Arbeitsmateriealien verstauen zu können.

Er ist Qualitätsmanager. Laut Definition umfasst Qualitätsmanagement alle organisatorischen Maßnahmen, die der Verbesserung der Prozessqualität, der Leistungen und damit den Produkten jeglicher Art dienen. Der Begriff Leistungen umfasst im QM vor allem die innerorganisatorischen Abläufe. Philipp ist im Sektor der Gesundheitsversorgung und medizinischen Rehabilitation tätig, in denen ein bestimmtes Qualitätsmanagementsystem vorgegeben ist.

Für all diese Prozesse hat er eine Vielzahl an QM-Handbüchern, die in die nun leeren Regale einsortiert wurden. Sein Schreibtisch ist ausgebaut, so dass er Platz für PC, mehrere Bildschirme, Laptop, Drucker und Faxgerät hatte. Ein zweiter Telefonanschluss wurde in den Keller verlegt, da dort der Empfang miserabel war. Philipp besitzt für seine Schulungen zudem 1000sende von Arbeitsmaterialien, Handouts, Fragebögen, und noch viel mehr aus Papier. Auch dieses bekam seinen festen Platz in den Regalen.

William, unser jüngster Kater fand diesen Veränderungsprozess höchst spannend. Eine große Hilfe war er allerdings nicht, denn ich hörte Philipp das ein oder andere Mal laut fluchen, wenn der Kater wieder einmal auf dem Faxgerät lag und nach den herauskommenden Papieren angelte. Die Pfote in den Drucker zu stecken, um hinten die Tintennadel zu jagen, ist eigentlich auch keine gute Idee, denn die versaute Pfote hinterlässt überall ihre Spuren.

Nach ein paar Tagen Arbeit war mein Mann dann im Büro eingezogen. Was er bislang im Hotelzimmer geschrieben hatte, will er von nun an von zuhause aus tun. Um näher bei seiner Familie zu sein. Um mich im Haushalt und bei der Kindererziehung zu unterstützen.

Super Idee finde ich. Oder fand ich. Na ja, war eigentlich nett von ihm gemeint!

Mein durch und durch „Business man“ hat feste Vorstellungen, wie die Unterstützung aussehen soll. Zum einen sollen unsere Kommunikationsstrukturen, professionelle Lösungsstrategien und die Einhaltung bzw. Steigerung der Zufriedenheit von uns Klienten gewährleistet werden. Die Standardisierung bestimmter Handlungs- und Arbeitsprozesse wird optimiert. Dokumentation und verbesserte Ausstattung der Arbeitsräume werden eingeführt.

Ja ja, ihr seht schon, Philipp meint es ernst – todernst! Meine anfängliche Begeisterung schlug nach wenigen Stunden in Skepsis um, da er sich allen Ernstes mit mir an den Tisch setzte, um sich die aktuelle Situation im Haushalt und unserem Miteinander schildern zu lassen. „Ist-Analyse“ nannte er das. Daraus wird die so genannte „Soll-Strategie“ entwickelt.

Nun, was soll ich sagen? Ich fahre zwei Mal pro Woche zum Einkaufen. Lebensmittel und Tierfutter. Pro Tag wasche ich ein bis zwei Maschinen Wäsche, um diese anschließend in den Trockner zu stecken. Das Haus putze ich mindestens einmal pro Woche. Bei schönem Wetter gibt es weniger Arbeit, wenn es regnet muss ich mehr tun. Die Kinder werden morgens zur Schule gefahren und mittags abgeholt. Mit Brutus gehe ich drei Mal pro Tag spazieren. Und dazu kommen unregelmäßige Tätigkeiten, wie zum Beispiel Pakete zur Post bringen oder abholen, wenn ich selbige nicht persönlich annehmen konnte. Kranke Kinder pflegen. Mal zum Arzt fahren oder ähnliches. Philipp nahm alles auf. Gut, dass sein IPhone eine Speicherfunktion besitzt!

„Tja, Liebes! Da ist viel zu tun stelle ich fest“ war seine Schlussbemerkung, nachdem er mich knapp eine Stunde erzählen lies.

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Das erste, das er veränderte war, dass er einen Onlinehandel für Tiernahrung im Internet suchte. Ab sofort wird Tierfutter und Katzenstreu ins Haus geliefert. Diese unnütze Schlepperei hat nun ein Ende. Toll, dachte ich, auf diese Idee wäre ich nie gekommen. Ich trage seit Jahren wöchentlich 20 bis 40 kg Katzenstreu ins Haus. Wir haben zwar Freigänger, aber wenn es draußen kalt oder nass ist, halten sich unsere Fellnasen im Haus auf.  Dann besuchen sie natürlich ihre Katzentoiletten, die sich in einem separaten Raum im Keller befinden, viel öfter, als wenn draußen die Sonne scheint. Und das Katzenfutter kann genau „berechnet“ werden.

Als weiteres bot er mir an, das Kochen mit zu übernehmen. Stopp, stopp, keine voreiligen Schlüsse bitte! Philipp kann wirklich gut kochen! Im Gegensatz zu mir ist er ausgesprochen kreativ. Soll heißen, er schaut sich die vorhandenen Kochzutaten an und zaubert uns  daraus ein leckeres Mahl, währenddessen ich meistens ein Kochbuch benötige, um Anregungen zu erhalten.

Ich hatte nichts dagegen, dass er auch kochen will. Als er noch nicht so viel unterwegs war, stand er regelmäßig mit Feuereifer und Kochbegeisterung in der Küche. Allerdings hatte  das nun zur Folge, dass er auch die Kochtöpfe, Pfannen, das Geschirr, Besteck, Handtücher, Küchenrollen etc. optimierte. Die komplette Küche ist umgeräumt. Jetzt ziehe ich aus der Schublade, die bislang das Mehl, die Gewürze und so weiter enthielt, Katzenfutter. Das Trockenfutter ist geruchsfrei in Dosen aufgefüllt, die Tetra-Packungen mit den Sorten Lachs, Huhn und Truthahn befinden sich perfekt gestapelt in Tupperdosen. Eigentlich finde ich diese Ordnung super!

Blöd ist nur, wenn aus alter Gewohnheit Trockenfutter anstatt Mehl in der geschmolzenen Butter landet, weil vorher für die Mehlschwitze alles in der Schublade griffbereit stand. Im Moment muss ich mir meine Kochtöpfe, Pfannen und Schüsseln vor dem Kochen zusammensammeln, weil sich sonst die Kochzeit unnütz verlängert, wenn ich währenddessen zum Beispiel die Schüssel für den Salat suchen muss. Aber es steht außer Frage, Philipp ist eine große Hilfe!

Das Putzen hingegen müssen wir noch üben. Da hat er vor ein paar Tagen das obere Bad übernommen, weil ihm meine Dose Creme, die ich zum Abschminken abends nehme, aus der Hand fiel und alles anschließend mit Cremepunkten übersät war. Ich fand es nur fair, denn er hatte ja die Sauerei veranstaltet. Ich reichte ihm alles, was zum Putzen eines Bades erforderlich ist und zog mich zurück. Er sei groß meinte er, da müsse ich ihm nicht sagen, wofür was sei. Schließlich hätte er seine Pensionszimmer auch oft zwischendurch gesäubert.

Eingemischt habe ich mich erst dann, als oben von der Treppe Wassertropfen in regelmäßigen Abständen unten im Wohnzimmer auf den Boden fielen. Als ich die Treppe nach oben lief, traf mich fast der Schlag, denn der Flur stand völlig unter Wasser. Phillip hingegen kniete im Bad und suchte verzweifelt den Abfluss, den er hinter der Toilette vermutete. „Was machst du da?“ rief ich entsetzt. „Ich putze den Boden. Wie ich das immer mache. Du hättest mir ruhig mal sagen können, dass wir im Bad keinen Bodenabfluss haben. Ich bin das aus den Hotelzimmern so gewohnt. Da brause ich den Boden ab und sauber ist es.“ Ich muss ihn entgeistert angesehen haben, denn er sprach weiter:“ Schau doch nicht so doof! Die paar Tropfen eben schaden dem Boden nicht“. Ich wies Philipp darauf hin, dass wir oben den Boden komplett mit Kork ausgelegt haben. Das Wasser, das sich aus dem Bad ungehindert „davonschleichen“ konnte, wurde soeben von den Korkplatten aufgesaugt.

Endergebnis war, dass sich einige davon nach dem Austrocknen gewellt haben. Egal meinte mein Mann, wir hätten eh vor gehabt, irgendwann oben den Boden zu erneuern. Dann würde halt Laminat verlegt werden. Und bis dahin würden ihn ein paar wellige Korkplatten nicht stören. Er war jedenfalls mit seiner Putzleistung mehr als zufrieden. Also ließ ich es dabei, denn ich folge dem Motto:“ Gibt es ein Problem, versuche es zu lösen. Kannst du es nicht lösen, mach kein Problem daraus!“.

Abgesehen von diesen Anfangsschwierigkeiten ist es wirklich schön, dass mein Mann und der Papa für die Kinder mehr zuhause ist. Nun müssen wir abends zum Schlafen gehen nicht Facetime machen, sondern nun sitzt Philipp auch an den Kinderbetten und plaudert noch ein paar Minuten vor dem Einschlafen über den Tag.

Ich fahre nicht mehr jeden Morgen los, die Dinos in die Schule zu bringen, das übernimmt nun auch Philipp. Für mich bedeutet das, ich kann diesen  Morgen gemütlich starten. Ein Luxus, den ich eigentlich seit Jahren nicht kenne.  Natürlich genieße ich es auch abends neben meinem Mann einzuschlafen.  Als wir uns vor über 15 Jahren kennenlernten, hätte ich mir nicht vorstellen können, eine Nacht ohne ihn zu verbringen.

Es ist wundervoll Philipp mehr um mich zu haben. Die Haushaltssituation wird sich einpendeln. Um es in Philipps Sprache zu sagen: “Das Qualitätsmanagement wird sicherstellen, dass die Qualitätsbelange den zugewiesenen Platz einnehmen“.

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Es ist spannend, unser Zusammenleben neu zu organisieren und neu zu strukturieren. Wer weiß, was sich in der kommenden Zeit noch alles verändern wird.  Wir lesen uns!    

11 comments on “Philipp ante portas

  1. Ach meine liebe Mia, sehr erheiternd dein Artikel. Es hat halt alles seine Vor- und Nachteile, schmunzel, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass sich alles einpendeln wird, nur kann ich mir gut vorstellen, dass das Kochen er übernimmt und du das Putzen. Ich bin gespannt.
    Ich drück dich und lach in diesem Sinne, wir lesen uns.

    1. Liebe Sandra, ja es bleibt spannend. Ich könnte mir vorstellen, dass es noch einen schriftlichen Aufgabenplan gibt. Wir sind ja noch in der Anfangsphase des Prozesses. Ich drück dich!

      1. Ja das kann ich mir auch gut vorstellen, schön am Computer entworfen, lach. Halt mich auf dem Laufendem. ❤️❤️❤️

  2. Herrlich. Ich hatte wieder viel Spaß beim Lesen und gönne euch von Herzen die neu gewonnene Zeit miteinander. Das wird toll. Und so gut zu planen hat ja auch Vorteile. Nur nicht übertreiben.

  3. Hallo Mia,

    Sorry, aber ich musste so herzhaft lachen, weil ich das selber von mir kenne. Ich bin so wie Dein Philipp. Ich habe in meinem alten Jobs auch den QM-Beauftragte im medizinischen Bereich gemacht und da lernt man halt gewisse Strukturen und ich habe viel in ihm gesehen, wie ich auch war bzw. noch bin. Ich kann es auch nicht leiden, wenn etwas nicht richtig und mit Sinn gemacht wird. Strukturen müssen sein 😉 (nur nicht immer). Aber das coolste finde ich das mit dem Abfluss. Sowas müsst ihr Euch unbedingt noch einbauen (lach). 😉
    LG Silvia

    1. Es freut mich, dass du amüsiert bist. Mittlerweile ist Philipp schon ruhiger geworden, was zur allseitigen Entspannung beiträgt.

  4. Hi Mia,

    herrlich, Deine Geduld möchte ich haben und von Philipp hätte ich gerne den Optimismus und die Ausdauer. Das mit der Küche kenne ich und ich liebe es, wenn eine ganz bestimme Person immer wieder alle Töpfe und Pfannen ganz unlogisch sortiert, und ich, um an das Salz zu kommen, den ganzen Schrank ausräumen muss. Ich habe in der Zwischenzeit einen Nicht – Angriffspakt geschlossen. Das bedeutet. Das ist dein Bereich, das ist mein Bereich und Finger weg von meinem Bereich. Ich bin gespannt, ob bei Euch Probleme auftreten werden, wenn Philipp sich in Deine Aufgaben einbringt. Es bleibt spannend.

    Viele Grüße Thomas

    1. Lieber Thomas, dankeschön! Dein Kommentar ist herzerfrischend. Ja, es bleibt spannend. Die Idee mit den zwei Bereichen gefällt mir sehr gut. Werde ich mit meinem Mann besprechen. Würde den ein oder anderen Kochunfall vermeiden und anderen Stress ebenfalls.

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