Ikebana – oder so ähnlich

Habt ihr eine Ahnung, was meiner Meinung nach die größte „Strafe“ für Mütter bzw. Väter ist, die zuhause für Kinder und allem was dazu gehört, zuständig sind? Na, eine Idee?

Okay, ich gebe euch einen Tipp. Stellt euch vor, ihr wacht mitten in der Nacht auf mit einem komischen Gefühl in der Magengegend. Dieses Unwohlsein steigert sich von Minute zu Minute. Euch wird warm, die Bettdecke muss weg. Erst mal hinsetzen und tief Luft holen. Ah, das tut gut. Doch plötzlich steigt so eine Art „Klumpen“ aus eurem Magen höher und höher in eure Speiseröhre Richtung Mundöffnung. Und da wisst ihr es: raus aus dem Bett, möglichst schnell zum Badezimmer oder zu der nächstgelegenen Toilette rennen. Schneller, schneller, der Klumpen lässt sich nicht stoppen. Ihr würgt schon. Da, da ist die Toilette; schnell schnell! Eine Hand müsst ihr auf den Mund pressen, mit der anderen freien Hand reißt ihr den Toilettendeckel hoch (der in einem ordentlichen Haushalt mit Katzen natürlich stets verschlossen ist). Ein Peng, der Deckel knallt gegen den Wasserkasten, egal! Und dann hängt ihr mit dem Kopf über der Toilettenschüssel und lasst den sich bereits in der Mundhöhle befindenden Klumpen raus. Schwallartig kommt euer Abendessen von gestern, oder das was nach dem Verdauungsgang davon übrig ist, der Wein nach dem Kinder zu Bett bringen, der Tee, den ihr gemütlich noch im Bett vor dem Einschlafen getrunken habt, aus dem Mund geschossen. Wieder und wieder. Euer Kreislauf sackt ab. Kalter Schweiß schießt aus all euren Poren. Euch wird schwindelig. Deshalb platziert ihr euren sich tonnenschwer anfühlenden Kopf zwischen den „Kotzpausen“ auf der Toilettenbrille wo zuvor noch abends vielleicht euer kleiner Sohn vor dem zu Bett gehen saß, damit das Pipi gut versorgt ist und nicht nachts ins Kinderbett plätschert. Ja Leute, genau! Die größte Strafe ist meiner Meinung nach, krank zu werden. Kennt ihr das? Keiner nimmt Rücksicht, wie elend du dich fühlst. Dein Mann oder deine Frau muss morgens zur Arbeit. Meistens steht ein wichtiges Meeting oder ein unmöglich abzusagendes Kundengespräch am Morgen an. Also quälst du dich völlig zerschlagen aus deinem Bett. Schleppst dich die Treppe hinunter in die Küche, in der du (wie jeden Morgen, wenn du normaler Weise fit bist) von deinen Haustieren freudig Schwanz wedelnd bzw. miauend begrüßt wirst. Alle Köpfchen erst einmal streicheln. Beim dich herunter bücken merkst du, wie sich dein geschundener Magen erneut zusammen krümmt. Oh nein, nicht schon wieder…

Mit ach und krach schaffst du es, deine morgendlichen Aufgaben zu erfüllen. Unterbrochen von plötzlichen 100 Meter Sprints zur Toilette. Hättest du damals die gleiche Schnelligkeit in der Schule bei den Bundesjugendspielen gehabt, hättest du vermutlich alle Rekorde gebrochen. Mittlerweile ist deine „Brut“ erwacht. Du wirst mit den fürchterlich aufmunternden Worten: „Mama, Mann eh, siehst du scheiße aus!“ begrüßt. Danach kommen dann postwendend die Bestellungen zur Bestückung der Pausenbrotdosen. Alleine die Worte „Leberwurst“ oder „leckerer Käse“ lösen neue Würgeattacken aus. Damit du dich nicht quälst gehst du zu deinem Portemonnaie und drückst deinen Kindern großzügig jeweils zwei Euro in die Hand. Du sagst, sie mögen sich doch bitte ausnahmsweise in der Schulmensa etwas zu Essen und zu trinken kaufen. Mittfühlend, wie deine Kinder sind, bekommst du zur Antwort: „Geil, kann ich das jeden Tag haben?“. Irgendwie scheint bislang keinem aufgefallen zu sein, dass es dir auf gut deutsch „kotzelend“ zu Mute ist. Und dann kommt der bislang härteste Moment des Morgens!

Du teilst deinen Liebsten mit, dass sie heute alleine zu Fuß in die Schule gehen müssen, weil du dich einfach so null und gar nicht in der Lage siehst, Auto zu fahren. Der Protest ist ohrenbetäubend! Du bekommst hammerhart an den Kopf geknallt, dass du dir doch gefälligst deine Ikebanakügelchen, oder wie die scheiß Teile heißen, reinpfeifen sollst, damit du binnen Sekunden wieder fit bist. Ach, vorpubertierende Kinder sind einfach super!

Zum Argumentieren zu schwach, greifst du reflexartig zum Telefon. Oma anrufen. Für die Schwiegereltern ist es natürlich noch mitten in der Nacht, denn warum sollten sie als Rentner schon um 7.30 Uhr aus den Federn gesprungen sein. Nach einer nüchternen Begrüßung, weil du den heiligen Schlaf unterbrochen hast, erklärst du die Situation. Und wie erwartet, fehlt auch auf dieser Seite der wundervollen Familie das Verständnis für deine Lage. „Kindchen“ bekommst du zu hören „ ruf doch ein Taxi. Du kannst doch wohl unmöglich von uns verlangen, dass wir ohne Frühstück das Haus verlassen, um die Kinder mal eben zur Schule zu fahren. Also das geht nun wirklich nicht. Findest du nicht, dass du etwas egoistisch bist meine Liebe?“. Ist es nicht verrückt, du bekommst doch prompt ein schlechtes Gewissen, zumindest für wenige Sekunden, weil du bei der lieben Verwandtschaft um Hilfe gebeten hast. Da die Uhr mittlerweile bereits voran geschritten ist, der Schulbeginn naht, und es für zu Fuß gehen nun eindeutig zu spät ist, greifst du zu deinem Autoschlüssel und fährst im Pyjama deine lieben Kinder in die Schule. Sagt mal ehrlich, kennt ihr nicht auch solche Situationen?

Mir fällt da eine ähnliche Szenerie ein von damals, als ich noch ein Leben ohne Kinder hatte. Ich habe mein Studium durch Nachtwachen im Altenheim finanziert. Zu diesem Job kam ich „wie die Jungfrau zum Kinde“, aber dazu ein anderes Mal mehr. Natürlich ist so ein Altenheim der perfekte „Umschlagplatz“ für Magen- und Darminfekte. Die Vieren scheinen sich in solchen Einrichtungen irgendwie besonders wohl zu fühlen. Regelmäßig, wenn dort der Virus grassierte, lag ich ebenfalls damit flach. Eine besondere Erinnerung habe ich an mein „Erstes Mal“. Da hatte ich meinen geliebten Philipp noch nicht und musste deshalb meine Mutter anrufen und um Hilfe bitten. Natürlich ließ sie mich damals nicht im Regen stehen. Ihr Verständnis war jedoch zu Anfang auch nicht besonders groß. Als sie mich kreideweiß im Bett liegen sah, war ihre erste Frage, ob ich denn mal wieder zu viel Alkohol am Abend zuvor getrunken hätte. Also echt, Mütter eben!! Aber sie zog damals los und besorgte mir in der Apotheke homöopathische Globuli, deren Namen ich mir bis heute nicht auswendig merken kann. Deshalb heißen diese bei mir immer noch „Ikebana“, weil der lateinische Namen für Brechwurz annähernd ähnlich klingt. Ich kann diese Kügelchen nur wärmstens empfehlen, denn sie beruhigen den aufgewühlten Magen rasch und nachhaltig. Ein wundervolles Gefühl, wenn der Brechreiz nach lässt und du nach Stunden endlich ein paar Schluck warmen Tee trinken kannst, der zuvor kaum nach dem Schlucken bereits wieder in der Toilettenschüssel landete.

Warum ich euch all das erzähle wollt ihr wissen? Nun, ganz einfach, ich hatte so eine „Toiletten-Kotz-Würg-Nacht“ heute Nacht. Als ICH dann erschöpft meinen Kopf auf die Klobrille gelegt habe, ging bei mir die Bad Türe auf und mein Ehemann schob verschlafen seinen Kopf durch den Türspalt. Er schaute mich noch halb schlafend verständnislos an und meinte: „ Schatz, was machst du da? Auf meiner Uhr ist es halb zwei. Findest du nicht, dass dieses eine völlig unmögliche Uhrzeit ist, das Bad zu putzen? Wenn du nicht schlafen kannst, koch dir doch einen Tee. Ich muss morgen früh los zum Kunden und brauche meine ungestörte Nachtruhe.“. Bingo, was mich heute Morgen dann erwartet hat, könnt ihr euch denken!

Aber zum Glück gibt es „Ikebana“, die Zauberkügelchen, die egoistische Schwiegertöchter binnen Sekunden zur leistungsstarken Supermutter verwandeln, damit die gar nicht verwöhnte und absolut anspruchslose Brut zur Schule gefahren werden kann. Hurra!!

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