Ich höre… NICHTS!

Weihnachten und Silvester sind zum einen die Feste für Familie und Freunde, zum anderen aber auch der Spiegel für alleine sein und Einsamkeit.

Bei uns ist die Zeit rund um Weihnachten, und am Tag der Tage selbst, immer turbulent. In der Schule gibt es viele Veranstaltungen, mein kleiner Dino hat kurz vor Weihnachten Geburtstag und die Vorbereitungen für das Fest der Liebe sind auch alles andere als entspannend und erholsam. Die Vorfreude auf  all das was kommt, treibt meine Dinos zu „Höchstleistungen“ an, was sich streiten und aufgeregt herum tollen betrifft. Da kommt es schon einmal vor, dass ich kurz vor dem Explodieren bin. Mit besinnlicher Adventszeit hat das dann wahrlich nichts mehr zu tun.

In solchen Momenten wünsche ich mir nicht selten eine Art Pause Taste. Auf die möchte ich drücken können, und alles bleibt wie eingefroren als Standbild stehen. Dann ist es still und leise. Nur ein paar Minuten die  Ruhe genießen dürfen. Nur kurz  Zeit Erholung für  meine  armen Ohren! Das  wäre schön!!

Dieses Jahr wurde meine stummes „Gebete“ doch tatsächlich erhört. Zwar nicht für die Zeit vor Weihnachten, aber dafür für die Zeit danach. Philipps Mutter hat uns angeboten, die Kinder ein paar Tage  zu sich zu  holen. Sie hätte Urlaub und Zeit. Hört, hört, dieses Angebot ließ ich mir natürlich nicht zwei Mal sagen. In Windeseile waren die Kindersachen gewaschen, gebügelt und gepackt. Direkt nach Weihnachten kam Opa und holte die Dinos ab. Bis Silvester dürfen sie nun in Kiel am Meer ein 24stunden Bespaßungsprogramm genießen. Ja, wenn die Großeltern sich bereit erklären, die Raptoren zu sich zu holen, dann wird meinen kleinen „Fleischfressern“ auch ordentlich etwas geboten.

Philipp musste gestern los zu einem Kunden. Bis Mittwochabend bin ich somit ganz alleine mit unseren Haustieren zuhause. Ein schrecklicher Gedanke für dich? Warum?

Seit dem ich Kinder habe, wird mir immer mehr bewusst, wie wichtig dieses „Fürsichsein“ ist. Als Mutter schraubst du automatisch deine Bedürfnisse zurück. Deine Kinder rücken an die Erste Stelle in deinem Leben. Ihr Wohlergehen wird zu deinem zentralen Mittelpunkt. Aber wo bleibst du dabei?

Für mich bedeuten diese freien Tage daher sehr viel. Wieder einmal ganz für  mich sein. Auch ohne Partner. Ganz alleine sein. Niemanden um mich herum (also keine Menschen meine ich damit) finde ich  göttlich, herrlich, traumhaft! Wenige Stunden nur für mich entscheiden zu dürfen, wann ich aufstehe, was ich esse, wie ich meinen Tag gestalte, ob ich mich anziehen mag und wann, ein Mittagschlaft, abends störungsfrei einmal bis in die Puppen fernsehen dürfen, diese unglaublich wohltuende Stille im Haus genießen können – WUNDERBAR!

Dieses Alleinsein empfand ich aber nicht immer so. Als ich vor vielen Jahren nach Hamburg umgezogen bin, schlug mir dieser Zustand erst einmal ganz schön auf den Magen. Ich war es gewohnt, Menschen um mich zu haben. Irgendwie war immer jemand greifbar. Mama und Papa, falls erforderlich wohnten nicht weit entfernt, mit meiner Schwester teilte ich mir zusammen eine Wohnung.

Da gab es natürlich genügend Reibungspunkte, da Schwesterlein und ich völlig unterschiedlich sind. Ich schlief morgens  lange, da ich als junge Frau  gerne aus war – und das dann bis früh in den Morgen hinein. Pia hingegen ist Frühaufsteherin und abends auch eher früh im Bett. Die Küche war einst mein „Erzfeind“.  Wir standen im permanenten Klinsch miteinander. Soll heißen, wenn es nach mir gegangen wäre, hätten benutzte Teller,  Gläser, Töpfe etc. vermutlich bis abends da gestanden, um irgendwann abgewaschen zu werden. Pia hielt diesen Zustand jedoch nur bis spätestens zum Nachmittag aus, dann beseitigte sie das Chaos alleine. Na, merkt ihr etwas? Da lag genügend  Zündstoff in  der Luft, um an die Decke gehen zu können. Streit gab es auch, wenn wir abends zusammen mit nur einem Auto unterwegs waren. Pia wollte spätestens gegen 2 Uhr morgens nach Hause, ich hingegen  fröhlich weiter tanzen. Wer bekam das Auto? Oh, da flogen so manches Mal die verbalen Fetzen…

Nichts desto trotz habe ich diese Zweisamkeit auch genossen. Beim Frühstück und den anderen Mahlzeiten jemanden zum Quatschen zu haben. Gemeinsame Kino- oder Fernsehabende. Abwechseln beim Kochen und sich den Hausputz teilen. Und eine Schulter zum Anlehnen, wenn es mal wieder Liebeskummer gab. Ich hatte davon reichlichen Bedarf.

Es trug sich dann zu, dass ich ein Jobangebot in Hamburg bekam. Pia traf den Mann ihres Lebens und heiratete. So trennten sich unsere schwesterlichen Wege auf ganz natürliche Art und Weise.

Voll motiviert in Hamburg angekommen packte mich binnen weniger Tage jedoch der absolute Blues!! Bis zum Jobbeginn waren es noch ganze vier Wochen. Ich hatte es vor gezogen, rechtzeitig in die andere Stadt umzuziehen, damit ich genügend Zeit hätte, mich zu akklimatisieren.

Alleinsein bedeutet ja eigentlich, sich freiwillig von anderen Menschen abzuschotten. Ich entscheide mich dann, Zeit mit mir alleine zu verbringen. Aber das war in Hamburg zuerst gar nicht so. Da saß ich in einer mir nicht vertrauten Wohnung, in einer mir völlig unbekannten Umgebung in einer fremden Stadt und kannte nichts und niemanden. Da wandelte sich der Zustand  „Alleinsein“  rasant in das Gefühl „Einsamkeit“ um.

image

Ich fühlte mich innerlich abgeschottet. Mir fehlten absolut die Bindungen zu Menschen, mit denen ich meine Gedanken, Gefühle und vielleicht auch Erlebnisse teilen könnte. Niemand mehr um mich, der mich morgens aus dem Bett schmiss, weil es bereits 9 Uhr war und ein Frühstück darauf wartete verzehrt zu werden. Oh, wie ich meine Schwester teilweise dafür hasste, wenn sie gnadenlos bei mir im Zimmer den Rollladen hoch riss und mich weckte. Nun fehlte sie mir. Keiner da, außer meiner Katze Nudel, mit dem ich mich unterhalten konnte. Der Abwasch stapelte sich tatsächlich bis Sonntag in der Küche, weil niemand ihn beseitigte. Wie oft hätte ich nach 7 Tagen das benutzte Geschirr an die Wand pfeffern können, um mir montags neues zu kaufen.

Jeder Schritt und Weg draußen war ein Abenteuer. Ich musste mich die ersten Male durch fragen, bis ich die Discounter meines Vertrauens fand um Lebensmittel einkaufen zu können. Ja und nicht vergessen, den Weg nach Hause zurück zu finden… Wo ist die nächste Post, der nächste Briefkasten? Wie gestalte ich mir den Tag? Wie die Abende?

Da gab es niemanden, der mich anrief ob ich nicht mit kommen wolle hier oder dorthin zu gehen? Die empfundene Einsamkeit tat weh! Denn auch wenn ich unter Menschen war, ich war alleine. Andere lachten, scherzten, waren fröhlich und ich ging alleine meinen Weg. Autsch! Das piekte im Herzen! Manchmal wurde ich auch ganz furchtbar wütend. Dann bereute ich es, den scheiß Job angenommen zu haben. Dann fragte ich mich, welcher Teufel mich geritten haben muss, ausgerechnet nach Hamburg zu ziehen. Weiß doch jeder, dass die „Fischköpfe“ distanziert und unnahbar sind. Wer ist denn so blöde, seinen kompletten Freundes und Bekanntenkreis aufzugeben?? Ich, Mia Bruckmann, natürlich. Die behämmerte Blödkuh ohne Hirn und Verstand!!!

Oft habe ich weinend in dieser Zeit mit Mama telefoniert. „Du kannst jeder Zeit zurückkommen mein Schatz! Dein altes Zimmer ist immer noch da“ waren stets ihre Worte. Ein verlockendes Angebot, aber wie würde ich dann da stehen? Als die Versagerin! Als die, die ohne nachzudenken Reißaus genommen hat. Eben Mia! Die ist für unüberlegte Spontanhandlungen ja schließlich bekannt (und den darauf folgenden Katzenjammer auch).  

Brigitte und Annette, meine damals besten Freundinnen hingegen sprachen mir Mut zu. Ich solle durchhalten. Diese Einsamkeit sei normal. Es würde sich ändern, wenn ich erst einmal arbeite. Diese Gespräche  taten mir gut. Wie Honig, der auf eine offene Wunde gestrichen wird. Diese Worte schlossen etwas, ließen den Schmerz der Einsamkeit für einen Augenblick kleiner werden.

Als ich es überhaupt nicht mehr aushalten konnte, als ich bereit war, alles hin zu schmeißen, ohne es jemals richtig versucht zu haben, stand Mama vor meiner Haustüre. Oh war das schön! Sie kam eine Woche zu besuch. Wir sind ganz viel mit dem Auto durch die Stadt gefahren. Haben uns Touristen Attraktionen angesehen. Wir haben mit dem Bus eine Stadtrundfahrt gemacht. Wir haben geredet, wir haben gelacht. Und da ist es passiert. Die Brücke zwischen meiner alten Heimat und der neuen Stadt ist gewachsen. Das Gefühl mit allem Vergangenen wieder verbunden zu sein wurde geboren.

Während dieser Tage fielen mir  wieder die  Worte einer weisen Frau ein. Sie  meinte zu mir:“ Mia, es kann niemand dich glücklich machen, außer du dich selbst“! Damals habe ich nicht verstanden, was sie genau damit meinte. Nun fiel mir die Bedeutung der Worte, wie Schuppen von den Augen. Wenn du alleine bist, oder gar einsam, dann wirst du gänzlich auf  dich selbst zurück geworfen. Dann begegnest du deinem wahren Selbst. Sich selbst glücklich machen geht nur, wenn du dich selbst kennenlernst. Was willst du,  Mia Bruckmann, wirklich? Lerne dir zuzuhören, Mia. Wer bist du, Mia? Richte dein Leben danach aus, Mia! Lerne dich und dein Leben zu genießen!

image

Mama fuhr nach einer Woche wieder zurück. Ich blieb in Hamburg. Ich fühlte mich gut. Ich begann, mir selbst zu begegnen. Ich gestaltete meine Wohnung neu. Mit all dem, was andere als Kitsch bezeichneten. Bunt und schrill wurde es. Mein Lieblingsessen war wochenlang Miracoli. Ja, die Nudeln mit dieser Tomatensauce waren mein Leib- und Magengericht. Nicht, weil ich nichts anderes hätte kochen können, sondern weil sie mir einfach schmeckten. Abends ein Vollbad genießen und dann mich wohlig in mein Bett kuscheln, herrlich. Die erste Zeit war auch jene, in der meine immense VHS Video Sammlung entstanden ist.

Es machte mir großen Spaß die Filme, die mir gefielen, aufzunehmen und dabei darauf zu achten, dass die Werbung nicht mit geschnitten wurde. Der Abwasch und der Wohnungsputz, das Wäsche waschen, den Müll zur Tonne tragen gingen plötzlich leicht von der Hand, weil ich dieses für MICH tat. Meine Umgebung zu erkunden war spannend, weil ich somit immer mehr das Gefühl von einerseits Sicherheit und andererseits Heimat entwickelte. Je öfter ich in die gleichen Läden zum Einkaufen fuhr, desto mehr kam ich mit dem dort arbeitenden Personal ins Gespräch. Man kannte mich mit der Zeit, man begrüßte sich mit der Zeit, es war wie Zuhause! VERTRAUT!

Was ich damit sagen möchte ist, dass keiner einsam sein muss. Es liegt an jedem selbst, sich aus seinem Schneckenhaus heraus zu begeben. Du alleine bestimmst, wann du deine Isolation beenden möchtest. Finde heraus, wer du bist. Nutze die Zeit mit dir! Finde dein „Ich“ und bringe es ans Licht. Frage dich, was dir Spaß macht. Vielleicht ein Kochkurs? Lerne Malen. Besuche einen Computer- oder Sprachkurs. Melde dich im Fitness-Studio an. Werde ehrenamtlich Helferin im Altenheim oder  bei der Bahnhofsmission. Auf gut Deutsch: Hoch mit dem Arsch! Verlasse deine Wohnung. Geh auf andere Menschen zu, dann kommen sie auf dich zu!

Und es war auch so, wie es mir Brigitte und Annette vorher gesagt hatten. Kaum fing ich an zu arbeiten lernte ich nette Menschen kennen. Ich hatte wieder soziale Kontakte. Bei mir in der Stadt. In Hamburg. Ich war endlich angekommen!

Die krönende Belohnung für meinen Mut und mein Durchhaltevermögen bekam ich, als Philipp in mein Leben trat mit den Worten.“ Haste mal nen Kaffee für mich?“. Aber das ist eine andere Geschichte!

 

 

6 comments on “Ich höre… NICHTS!

  1. Super Artikel. Deine Botschaft sollten sich viele zu Herzen nehmen, denn wie du so schön schreibst Hoch mit dem Arsch… Man ist selber für sein Leben verantwortlich und was man daraus macht! Als ich nach Fürth mit meiner Tochter gezogen bin, war das zuerst auch für mich komisch, da die vielen Freunde nun nicht mehr kamen, wie auch, ich lebte ja nun über 200km entfernt. Aber ich muss sagen, dass ich schnell meine neue Ruhe lieb gewann. Durch meinen Job in der Betreuung, wo es oft laut und stressig ist, bin ich um jede ruhige Minute dankbar. Ich habe mir abgewöhnt, dass immer also bei mir stattfindet, so wie es früher war. Jetzt treffe ich mich mit Freunden z.B. im Cafe. Ich kann nur jeden raten genießt das Alleinsein und die Ruhe und die Zeit für euch allein. Danke liebe Mia für deine schöne Kolumne, die mich auch zum nachdenken angeregt hat. Liebste Grüße Sandra von onlinetagebuchvonsandra.blogspot.com

  2. Sehr schön geschrieben Mia … ich mag deinen Schreibstil sehr gerne.
    Ich mag das Alleinsein hin und wieder total gerne und brauche das für mich. Mal niemanden um mich herum, lange schlafen, rumlümmeln und einfach mal die Seele baumeln lassen.
    Genießt noch die Zeit ohne eure beiden Dinos – die ist nämlich auch mal schön.

  3. Hallo Mia,

    ich lese hier, aufgrund deines Kommentars unter meinem Gastbeitrag.
    Ich weiß, dass ich etwas finden muss, was ich nur für mich tue. Oder ein Hobby, bzw. habe ich ein Hobby- ich nähe sehr gern für mich und für die Kinder. Nur habe ich das schon lange nicht mehr gemacht, weil die Zeit fehlt. Ich muss versuchen irgendetwas zu finden, wozu ich mir bewusst Zeit nehme, am besten irgendetwas, was nicht zu Hause stattfindet.
    Ich werde mal sehen, wie sich meine Situation entwickelt.
    ich danke dir für deinen Kommentar und lasse ein Lob für deinen Artikel hier.
    Liebe Grüße, Heike

    1. Liebe Heike, ich bin mir ganz sicher, dass du für dich einen passenden Weg finden wirst! Hab viel Mut, es lohnt sich! Herzliche Grüße, Mia

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

19 + 7 =