Hör auf die Stimme!

Kennt ihr das? Ihr sitzt im Auto, das Radio läuft, und dann kommt da ein Song, der euch nicht nur zur Unterhaltung dient, sondern der euch mit seinem Text und der dazu gehörenden Melodie ganz plötzlich tief berührt?

Mir geht das nicht oft so, aber im Moment ist es der Song „Hör auf die Stimme“ von EFF. Da ist die Rede davon, dass man auf seinem Weg durchs Leben auf seine Stimme, die im Inneren eines jeden ist, hören soll. Sie weist einem den Weg, wenn ich wieder einmal an einer Kreuzung stehe und abwägen muss, was ich wähle, wohin ich gehe.

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Dieses Lied berührt mich, weil ich weiß, dass es wahr ist, wovon gesungen wird. Ich kann sagen:“ Das ist so. Das habe ich auch schon erlebt“.

Meinem zweiten Kind hat diese Stimme vermutlich das Leben gerettet. Ich hatte ab der 36. SSW plötzlich Träume, dass mein Kind im Mutterleib die Nabelschnur um den Hals trägt. Dass es meine Hilfe bräuchte. Mein Kind bekommt nicht ausreichend Luft. Es möchte geholt werden, bevor es zu spät ist.

Von innerer Unruhe getrieben drängte ich meine Frauenärztin in der 37. SSW dazu, mir eine Einweisung ins Krankenhaus auszustellen. Ich rief in meiner Wunschklinik an und bat um einen Gesprächstermin. Den bekam ich. Mit einem Oberarzt. Der wiegelte meine Besorgnis ab, nachdem ein ausführliches CTG geschrieben war und der Ultraschall keine Auffälligkeiten vorwies. Ich sei nervös meinte er. Das sei normal. Er wäre bereit, mein Kind in der 38 SSW mit einem Kaiserschnitt zu holen, früher nicht!

„Zu spät“ mahnte mich meine Stimme nachts im Traum. „Kümmere dich“ sprach sie „sonst ist es zu spät!“.

Am nächsten Morgen fuhr ich ohne Termin in eine andere Geburtsklinik, die ebenfalls einen guten Ruf in Hamburg hat. Dort traf ich nach etwas Wartezeit zum Gespräch auf eine Ärztin. Ich schilderte auch ihr meine Träume und meine Angst, meinem Kind könnte schlimmeres passieren. Sie nahm mich ernst. „Frau Bruckmann, ich glaube ihnen. Es gibt Mütter, die bereits über die Nabelschnur mit ihrem Kind kommunizieren können. Ihr Sohn spricht nachts zu ihnen. Wann möchten Sie kommen?“. Sie lächelte mich an. „Ich muss kurz mit meinem Mann sprechen“ war meine Antwort. Gesagt, getan. Philipp wusste, wie wichtig mir das Kindeswohl war und meinte, er könne morgen nach Hause kommen. Übermorgen, am Donnerstag, stünde einem Kaiserschnitt nichts im Wege.

Mein zweiter Sohn erblickte donnerstags um 9.30 Uhr per Kaiserschnitt das Licht der Welt. Mit der Nabelschnur um den Hals. Er war bereits Lila. Noch zwei Tage länger, und er hätte vermutlich nicht mehr gelebt. Natürlich kam er sofort auf die Intensivstation zur Überwachung. Es wurden etliche Tests durchgeführt, ob der Sauerstoffmangel eventuell schon Schaden angerichtet hat. Nichts! Alles war gut! Heute ist der Bursche vergnügte sieben Jahre alt und ein verdammt helles Kerlchen in der Schule.

Hör auf die Stimme! Das passt in vielen Lebenslagen. Besonders auch in Beziehungen. Wer kennt es nicht, dass man mit einem Mal Zweifel an der Aufrichtigkeit des Partners bekommt. Warum? Oft kann darauf keine Antwort gegeben werden. Es ist nur so ein Gefühl. Etwas nebulöses, nicht Greifbares. Und dennoch führt es dazu, beim Partner mal ins Handy zu schauen, Jacken- und Hosentaschen durchzusehen. Die Arbeitstasche zu kontrollieren. Ihm mit dem Auto nach zu fahren, heimlich. Da ist etwas! Was? Bohrt es in dir.

So erging es mir mit meinem Freund Frank, bevor ich Philipp kannte. Er war acht Jahre älter als ich, hatte zwei Kinder und war seit mehreren Jahren geschieden. Bei Männern und Frauen ist das ja ab Mitte dreißig leider nichts Ungewöhnliches. Die Jugendliebe ist vorbei, Anfang zwanzig meint der eine oder die andere den Partner fürs Leben gefunden zu haben, es wird geheiratet. Meisten kommen dann rasch die Kinder, und wieder gibt es eine neue kleine Familie auf unserem Planeten. Der Ehemann entwickelt sich beruflich weiter, da er ja die Liebsten ernähren muss. Die Frau kümmert sich, meist ohne Ausbildung, aufopfernd um den Nachwuchs. Bis zu jenem Tag, an dem die Kinder anfangen ihre eigenen Wege zu gehen und der Ehefrau klar wird, dass sie etwas Entscheidendes in ihrem Leben versäumt hat. Peng! Da fängt die heile Welt an zu wackeln und später zu bröckeln. Häufig ist eine Trennung dann die letzte Konsequenz.

Als Frank und ich uns kennenlernten war ich noch unter dreißig und arbeitete als Industriekauffrau in einem großen Unternehmen. Alles lief die ersten zwei Jahre wundervoll. Dann kam meine Stimme. Die innere Stimme, die etwas melden wollte. „Halt die Klappe“ meinte ich damals. Bei mir gibt es nichts zu melden. Alles super. Alles paletti. Mein Leben ist toll! Und wer hätte es gedacht, die Stimme wurde leiser. Vorerst!

Dann kam sie wieder. Ab dem Moment, ab dem bei Frank auffallend oft ein Besuch bei seinen Kindern in München anstand. Seine größere Tochter hätte Probleme. Pubertät und so. Da wäre es gut, wenn er persönlich hinfahren würde. Übers Wochenende.

Zuerst war das völlig plausibel für mich. Wäre da nicht meine Stimme gewesen. Sie meldete, dass das eine Lüge sei. „Stimmt nicht“ sagte sie. Wieder und wieder, bis ich mir sein Handy holte, als er morgens noch schlief. Da gab es eine paar Nummern, die häufig angewählt wurden. Auch abends spät. Vermutlich Kunden, dachte ich mir. Frank war Architekt. Da konnte es schon sein, dass während einer Bauphase viel telefoniert wurde. „Wähl diese Nummern“ drängte mich meine Stimme vorwärts. Soll ich, soll ich nicht?

Lange Rede kurzer Sinn. Meine innere Stimme hatte wieder einmal Recht. Frank hatte nicht nur eine sondern mehrere Freundinnen parallel zu mir. Er besuchte sie reihum, wenn er mir vor gab, er sei in München bei seinen Kindern. Tja, wieder nur ein Frosch, den ich geküsst hatte!

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Und euch ist gewiss auch folgendes bekannt. Du hörst deine Stimme und andere meinen, es besser zu wissen. Du wirst milde belächelt, hämisch angegrinst oder einfach für blöde betitelt, weil du eine „Ahnung“ hast.

So geschehen mit meiner Schwiegermutter, die mich eh nicht mag, seitdem ich ihr ihren Sohn Philipp „geklaut“ habe.
Mein Dino 1 war nicht ganz ein Jahr alt, als er eine Erkältung bekam. Diese zog und zog sich hin. Aus nur erkältet wurde mehr. Es kam hohes Fieber hinzu. Außerdem hatte ich das Gefühl, mein kleiner Sohn wird schwächer, je länger er gegen den Infekt ankämpfte. Natürlich war ich in den vergangenen drei Wochen bereits mehrfach beim Arzt gewesen. Der meinte aber, mein Sohn müsse mit dem Infekt alleine klar kommen. Das sei ganz normal. Bis zum 6. Lebensjahr baue sich das Immunsystem erst auf. Da wäre es keine Seltenheit, dass Kinder bis zu 10 Infekte im Jahr hätten.

Nachdem eine vierte Woche ins Land ging und es meinem Kind eher schlechter als besser ging beschloss ich am Freitag, dass ich ins Kinderkrankenhaus fahre. Zum Röntgen. Mein Gefühl sagte mir, mein Sohn hat eine Lungenentzündung oder ähnliches. Ich informierte Philipp. Der war natürlich sofort sehr besorgt. Sein erstes Kind im Krankenhaus. Er rief seine Mutter an. Wollte fragen, ob das mit meinem Verdacht möglich sein könnte. Sie hat ja zwei Kinder groß gezogen und entsprechende Erfahrung.

Anne, meine Schwiegermutter, rief postwendend bei mir an. Sie meinte mir sagen zu müssen, dass meine übertriebene Müttervorsicht sich noch verändern würde. Es sei doch völlig übertrieben wegen einem Husten ins Krankenhaus zu fahren. Wie ich dazu käme, ihren armen Philipp so zu beunruhigen. Kinder würden nun einmal krank werden. Wenn sie wegen jedem Pups bei ihren beiden ins Krankenhaus gefahren wäre, hätte sie die ersten Jahre dort kampieren können.

Ich fuhr trotzdem! Etwas Wartezeit musste ich in der Notaufnahme mitbringen, aber dann waren wir dran. Dino 1 wurde gründlich untersucht. Da ich auf eine Röntgenaufnahme bestand, wurde diese durchgeführt. Ich wollte einfach sicher sein, dass mein Gefühl falsch lag!

Danach ging alles ganz schnell. Beidseitige Lungenentzündung. Blutentnahme. Ergebnis: resistenter Keim. Sofort eingeleitete Antibiose i.V. (intra venös). 10 Tage Krankenhausaufenthalt. Einen Tag vor Dinos 1. Geburtstag durften wir wieder nach Hause. Mein Kind musste weitere 10 Tage ein Antibiotikum nehmen. Dieses Mal als wohlschmeckender Erdbeersaft. Die abschließende Blutuntersuchung ergab, dass der Keim vollständig abgetötet war.

Also Leute, hört auf eure Stimme. Sie sagt nicht immer das, was du hören möchtest. Manchmal dauert es, bis du sie wahrnehmen kannst. Dann musst du dich zurückziehen. Ruhe suchen. Sie kommt und spricht, wenn du sie dazu einlädst. Solltest du vor einer schwierigen Entscheidung stehen frage deine Stimme um Rat. Hör auf SIE, nicht auf andere!

17 comments on “Hör auf die Stimme!

  1. Meine liebe Mia,
    erst einmal Danke für deine privaten Einblicke. Ich hatte auch so eine tolle Schwiegermutter, lassen wir lieber das tolle Thema, grins. Nur gut das du so oft auf deine innere Stimme gehört hast und wie wichtig das einfach ist!!! Ich denke, man soll das immer tun, da ich bin für men Leben verantwortlich und egal was andere sagen, wenn ich bzw. meine innere Stimme einer anderen Meinung als die der Gesellschaft ist, sollte man sich folgen und so wird man glücklich und hat seinen inneren Frieden. Ich habe mir übrigens das Buch Einen Scheiß muss ich von Tommy Jaud gekauft. Das passt auch sehr gut. Sehr tolle Kolumne, die sich viele zu Herzen nehmen sollen. Hört auf euch und so gehts euch besser! Sei ganz lieb gedrückt!!!

    1. Liebe Sandra, deinen Buchtipp habe ich mir notiert. Wie du weißt, lese ich gerne und Bücher, als Ergänzung zu einem meiner Themen, liebe ich besonders! Meiner Schwiegermutter werde ich irgendwann einmal eine eigene Kolumne widmen. Das hat sie sich redlich verdient. LG

  2. Liebe Mia,
    du hast vollkommen recht, man hört viel zu selten auf die innere Stimme, die meistens Recht hat.
    Wir “ modernen“ Menschen haben den Bezug zu “ Mutter Natur“ völlig verloren.Die Indianer in Nordamerika z.B. haben schon lange Zeit vorher ihren Untergang sehen können durch durch ihre Schamanen . Das klingt jetzt sehr esoterisch, ist aber Realität.
    Im Englischen gibt es einen schönen Spruch: “ Respect your Mother“, gemeint ist “ Mutter Erde“, die mit uns kommuniziert und wir Ignoranten, haben verlernt, zuzuhören.
    Deshalb ganz richtig: Hört auf eure innere Stimme!
    LG Vera

  3. Liebe Mia, wow..beeindruckend das du dein Herz und deine Sinne so öffnen kannst, um auf deine ´inner Stimme´zu hören.
    Ja, jeder von uns hat diese Gabe eines ´inneren Mentors´ und dieser wird uns mit Sicherheit nicht in die falsche Richtung lenken. Bedauerlicherweise vergisst man das ganz gerne…
    Danke für deine wie immer sehr schöne Kolumne. 🙂
    Ach und ja die ´liebe Schwiegermutter´, bis jetzt war ich immer in dem Glauben ich hätte den Super Gau gelandet…schön zu wissen, dass es mir nicht nur alleine so geht 😉
    Viele liebe Grüße Nadine

    1. Liebe Nadine, ich freue mich, von dir zu hören! Ich verspreche auch dir, dass wir uns bald über unsere Schwiegermütter austauschen können! Auch darüber habe ich unendlichen Schreibstoff. Bis bald!

  4. Liebe Mia, dieser Text und diese Einblicke haben mich fasziniert. Wie recht du hast mit dem „auf die innere Stimme hören. Habe es oft getan und auch von sehr komischen Blicken beäugelt. In vielen Situationen hätte ich es auch tun sollen. Hast du sehr gut geschrieben und auf die Kolumne deiner Schwiegermutter freue ich mich sehr liebste grüße

  5. Hallöchen Mia

    Eine sehr schöne und gelungende Kolumne die du nieder geschrieben hast. Hör auf die Stimme das sollte ich auch öfters mal machen und NEIN sagen. Sie sagt es mir immer wieder aber ich ignoriere sie einfach zu oft. Vielen Danke für die schöne Kolumne

    Liebe Grüße Moni

    1. Liebe Moni, es lohnt sich, auf dein Bauchgefühl zu hören. Damit bist du immer auf dem richtigen Weg. Schön, dass ich dich inspirieren könnte. LG

  6. Hallo liebe Mia,

    Mit Gänsehaut und leichten Tränen in den Augen, habe ich deinen Beitrag gelesen. Ich finde es mitlerweile sehr wichtig auf die innere Stimme zu achten, früher war mir das alles egal, aber seit meine innere Stimme mir gezeigt hat, wem ich wirklich wichtig bin, nehme ich jedes Gefühl meiner inneren Stimme sehr ernst. Möge deine innere Stimme dich auf dem rechten Weg begleiten. Liebe Grüße Viktoria von Crystalsunshine1510

    1. Ich danke dir Viktoria! In Zeiten der Wirrungen und Ängste ist die innere Stimme dein bester Freund! Wer auf sie hört, ist stets auf dem richtigen Weg, auch wenn dieser sich als steinig und schwer erweisen sollte.

    1. Liebe Catherine, mein Repertoire an Kolumnen ist noch lange nicht erschöpft. Wir werden uns bestimmt oft treffen, hier auf dem Blog. LG Mia

  7. Hallo Mia, das Lied mag ich auch sehr gerne. Obwohl ich ihn als Sänger sonst nicht soo mag. Aber du hast schon Recht, man sollte mehr auf sein Bauchgefühl hören. Ich bin übrigens – wenn auch mit Verspätung- über den Blogger Comment Day hier. Die Buchmesse in Leipzig hat mich einfach etwas aus der Bahn geworfen! http://www.melusines-welt.blogspot.de – Biggi

  8. Ja, die innere Stimme ist schon was besonderes! Manchmal spricht sie in Rätseln, aber wenn man auf die Lösung kommt, merkt man, sie hat meistens Recht!
    Wir sollten wieder lernen darauf zu hören, und nicht auf das, was die anderen sagen.

    Jeder kennt sich selbst am besten!

    LG Annette

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