Gleich!

Wer kennt sie nicht die Worte: „sofort“, „bald“, „gleich“, aber habt ihr euch schon einmal die Mühe gemacht, über die Bedeutung selbiger nachzudenken? Wie ihr wisst, reist mein Ehemann Philipp sehr viel durch die Lande, um den nötigen Lebensunterhalt für uns alle zu verdienen. Er ist deshalb oft für ein paar Tage oder auch für ein paar Wochen in anderen Städten angesiedelt. Dort hat er dann in einem schönen Hotel sein Zimmer, von dem aus er seine Kundschaft aufsucht. Wir, seine Familie, sind derweil alleine Zuhause.

Zum Glück macht es die moderne Telefonie möglich, mit Bildtelefon kommunizieren zu können. Dann sitzen wir hier wie „die Hühner auf der Stange“ bei uns im Wohnzimmer auf dem Sofa und scharen uns um mein Tablett, damit wir mit Papa uns sehen und hören können. Ich finde das ist eine ganz tolle Sache. So ist das Gefühl des getrennt seins subjektiv geringer. Die Kinder können ihrem Vater Dinge zeigen, wie z.B. das neueste Kunstwerk aus dem Handarbeitsunterricht, den neu gefalteten Papierflieger, Brutus wie er völlig entspannt schläft oder oder oder. Auch ich fühle mich nach so einem Telefonat gut, da ich meinem Schatz wenigstens für eine kurze Zeit von Angesicht zu Angesicht aus dem Alltag berichten kann.

Damit wir so telefonieren können, schreiben wir uns vorher kurz eine SMS. So etwas wie:“ Ich rufe in 5 Minuten mit Bildtelefon an.“. Ich hole nach Erhalt dieser Nachricht die Dinos zusammen und wir warten ab, bis Philipp sich meldet.

Nun trug es sich vor ein paar Tagen zu, dass diese Mitteilung von meinem Husbandus für mich alleine am Vormittag kam:“ Ich habe heute einen Tag frei. Trinke schnell meinen Kaffee, gehe rasch unten im Kiosk mir einen Schokoriegel kaufen und rufe dich gleich! an.“. Ich habe mich sehr darüber gefreut. Morgen ist eh die Heimfahrt von meinem Ehemann angedacht. Ich vermute, er muss heute nur noch ein paar Papiere ordnen oder ein paar Telefonate führen. Vielleicht will er mir ja auch sagen, dass er bereits am Nachmittag in den Zug steigt. Ist es nicht erstaunlich, aber ich war irgendwie ein bisschen aufgeregt. Die Kinder waren in der Schule und ich hatte keine dringenden Erledigungen anstehen, die dieses Telefonat verhindert hätten. Also machte ich mir ebenfalls eine Tasse Kaffee und setzte mich erwartungsvoll auf das Sofa. Ganz gemütlich. Ja, so ein Schokoriegel könnte mir nun auch schmecken, dachte ich, aber außer der speziellen Schokolade für unseren Hund habe ich nichts ähnliches im Haus. Mal euch rasch gefragt:“ Hat einer von euch schon einmal Hundeschokodrops probiert? Nein?“.  Ich nur einmal…. Die Dinger schmecken für meinen Begriff absolut ekelhaft!

Also stellte ich mir eine kleine Schale mit Gummibären neben mich auf das Sofa. Lecker diese kleinen Bärchen aus Fruchtsaft. Die Roten mag ich am liebsten. Danach folgen die Grünen – Apfelgeschmack. Aber die anderen Farben sind auch okay. Mit den Minuten wanderte ein um das andere Süßteilchen in meinem Mund. Rasch ein Blick auf die Uhr. Seit der SMS sind ca. 15 Minuten vergangen.

Vermute mal, dass es noch 5 Minuten dauert, bis das Tablett „klingelt“ und um Bestätigung der Bildverbindung bittet. Er muss ja aus dem Hotelzimmer raus. Zum Aufzug. Warten bis selbiger da ist. Runter fahren. In den Kiosk gehen. Keine Ahnung, wo der sich im Hotel unten befindet. Den richtigen Schokoriegel auswählen. Danach den Weg nach oben antreten. Da habe ich ja noch genug Zeit, mir einen kleinen Nachschlag in der Küche zu holen. Es ist ja vom Wohnzimmer in die Küche und zurück nicht so sehr weit. Schaffe ich locker! Also hoch vom Sofa, zur Abkürzung ein Sprung über die Rückenlehne, quer durch den Raum, über den Flur, schräg links in die Küche. Damit ich nicht noch einmal laufen muss, nehme ich doch besser die ganze restliche Packung mit, oder? Und husch husch, zurück zum Sofa. Ein kleiner Blick in den Spiegel – dafür eignet sich ja das Glas vom Tablett auch gut- Frau will ja schließlich hübsch aussehen!

Seit der SMS sind nun bereits mehr als 30 Minuten vergangen. Wo bleibt der denn frage ich mich langsam? Ich vermute, er hat jemandem zum Quatschen getroffen. Mein Mann ist ein sehr kommunikativer Mensch. Er kann sich mit jedem in stundenlange Gespräche vertiefen. Da sich bei mir der Kaffee bemerkbar macht, ich sollte kurz zur Toilette laufen, darf Philipp gerne noch ein paar Minuten mehr sprechen. Zur Sicherheit nehme ich aber doch besser das Tablett mit zum Klo.

Geht es euch auch so, dass der Toilettengang dann so schnell wie möglich vollzogen wird, wenn ihr z.B. darauf wartet, dass der Paketbote kommt, die beste Freundin erwartet wird oder ähnliches? Ungemütlich finde ich das. Um nicht zu sagen irgendwie stressig.

Ich merke, wie ein leichtes Grummelgefühl in mir aufsteigt. Was soll denn das? Warum ruft Philipp nicht an? Ich bin mir sicher, es hat einen wichtigen Grund, aber so langsam wird die Aufregung geringer, die Freude kleiner und so ein schwaches Ungeduldsgefühl größer.

Ich könnte ihn ja per SMS fragen, was los ist. Ja genau, das mach ich doch mal kurz:“ Hi, ich freue mich auf deinen Anruf. Wann meldest du dich?“ Wenige Minuten später kam seine Antwort:“ Bin noch gar nicht richtig wach. Rufe gleich an. Muss vorher noch kurz runter.“. Wie, er muss noch kurz runter? Das hat er mir doch bereits vor über einer Stunde geschrieben? Was hat der denn bis gerade eben gemacht? „Sag mal, soll das ein Witz sein? Du hast mir doch vor über einer Stunde geschrieben, dass du nach Kaffee kurz runter gehst und dann gleich anrufst!! Was hast du denn bis jetzt gemacht?“ war meine neue SMS an Philipp. „Aufgestanden!“ war seine Antwort. Dann kam ein Foto von seinem gepackten Koffer und die Erläuterung dazu:“ Packe nebenbei auch noch.“. Ich ließ mir diese Worte kurz durch den Kopf gehen und merkte dann, wie das Grummeln im Bauch sich in Wut umwandelte. „Sag mal spinnst du? Ich sitze seit einer geschlagenen Stunde auf dem Sofa und warte auf deinen Anruf! Jetzt muss ich in 20 Minuten los, die Kinder von der Schule abholen. Du lässt mich doch mit Absicht zappeln. Sag doch gleich, dass du eigentlich überhaupt keine Lust hast, mit mir zu telefonieren.“ schrieb ich gereizt zurück. Anstatt dass mein Mann dann die Situation entschärft hat, indem er zum Telefon greift und mich anruft, kam erneut ein Foto per SMS. Darauf war eine fast leere Kaffeetasse zu sehen. Da platzte mir die Hutschnur. Mein Mann will mir allen Ernstes weiß machen, dass er nun seit über einer Stunde an seiner Kaffeetasse nuckelt? Nebenbei will er seinen Koffer gepackt haben um wach zu werden? ER hat MIR geschrieben, dass er GLEICH anruft und nun lässt er mich warten? Das Wort „gleich“ ist in SEINER Satzstellung ein Adverb und hat somit die Bedeutung „sofort“ was für meine Begriffe so viel heißt, dass er zeitnah, also binnen weniger Minuten, anruft.

Ihr könnt euch denken, wie es bei Philipp und mir weiter ging. Ein Wort ergab das andere und zu guter Letzt war ich bereit zum Anwalt zu gehen, um postwendend die Blitzscheidung durch zu führen! Sagt, kennt ihr solche Situationen auch? Reagiere nur ich so, oder ist das typisch Frau? Oder sind Männer so? Philipp jedenfalls macht anscheinend keinen Unterschied zwischen gleich, jetzt, sofort oder später, morgen, übermorgen, irgendwann oder gar nicht. Ergebnis war, dass er erst am folgenden Tag nach Hause kam. Er war eingeschnappt, weil ich mich von SMS zu SMS in meiner Wortwahl im negativen Sinne steigerte und ich habe die Zeit damit verbracht, mir eine Foltermethode nach der anderen zu überlegen. Ich war so sehr enttäuscht, dass ich ihm anscheinend total egal bin. Wie kann es sein, dass es ihm wichtiger ist, eine Tasse Kaffee zu trinken und Koffer zu packen, als mich anzurufen? Er wiederum fragte sich, warum ich so ein Theater mache, er hätte mich doch noch angerufen. Warum ich nie abwarten könnte, bis er sich meldet?

Sagt mir Leute, ist es denn wirklich so, dass Männer vom Mars und Frauen von der Venus kommen? Gibt es tatsächlich geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Kommunikation -egal ob schriftlich oder mündlich?

Letztendlich wurde dann am Folgetag aber wieder alles gut. Philipp stand mit einem Blumenstrauß in der Hand vor unserer Haustüre und ich viel ihm in die Arme und hatte dabei ein „entschuldige bitte meine miesen SMS“ wenigstens in meinen Gedanken. Wir führen eine „italienische Ehe“. Mal fliegen die Teller und dann folgt Amore! In diesem Sinne Leute: Deutsche Sprache – schwere Sprache! Eigentlich ist es doch egal, ob einer gleich, sofort, später oder sonst wann sich meldet – Hauptsache ER oder SIE tut es, oder ?

Bis bald,

eure Mia

One thought on “Gleich!

  1. DEFINITIV kommen Männer vom Mars und Frauen von der Venus!!! Meiner, der seines (Stern-)Zeichens auch noch Widder ist, liefert damit sogar das Paradebeispiel eines „Marsmännchens“ ab und ich als Krebs bin dazu das krasseste Pendant einer „Venus – da sind solche Szenen = Missverständnisse, geradezu vorprogrammiert…
    Aber das erhält doch auch irgendwie den Reiz und die Spannung aufrecht, gerade in langjährigen Beziehungen Und mir gefällt der Gedanke an eure „italienische“ Ehe sehr!

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