Der Köder

Das Thema „Tod“ ist ein schwieriger Stoff. Es ist nicht wirklich greifbar, begreifbar. Es ist unheimlich, beängstigend, weil keiner weiß, was sich dahinter wirklich verbirgt. Tatsache ist aber, dass ein Mensch oder Tier anschließend nicht länger bei uns auf der Erde ist.

Um meinen Kindern Bilder zum Erfassen der Thematik zu liefern, erzähle ich ihnen im Trauerfall die Geschichte vom „Großen Engel“, der einerseits die Babys in seiner goldenen Kutsche zur Erde bringt,  andererseits aber auch die Verstorbenen von der Erde wieder abholt.

Der Tote  steigt dann zusammen mit seinem Schutzengel  erneut in die Himmelkutsche ein, legt sein Erdenkleid ab und fährt über die Regenbogenbrücke zurück auf die Himmelswiese.

Das leere Erdenkleid beerdigen wir anschließend. Aber das, was den Menschen, das Tier ausgemacht hat, nämlich das Leben, ist zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr hier.

Ich habe die Erfahrung bei meinen Kindern gemacht, dass dank dieser Geschichte, der Tod gar nicht mehr so schrecklich ist. Meine Jungs haben begriffen, dass jeder, der hier angekommen ist, auch wieder gehen wird.

Wie lange jemand auf der Erde lebt, steht in Gottes persönlichem Lebensplan. Den bekommt jeder individuell auf ein großes goldenes Stück Papier geschrieben. Keiner (außer Gott) weiß, was darin verewigt ist.

Nun trug es sich zu, dass mein Schwiegervater nach einer schweren Krankheit gestorben ist. Meine Kinder hatten zu ihrem Opa ein sehr gutes Verhältnis. Er hat zu Lebzeiten viel mit ihnen unternommen. Er war so, wie sich Kinder eben einen Opa wünschen.

Die Krankheitszeit erlebten wir alle mit. Meine Kinder wussten, dass ihr Opa in absehbarer Zeit zurück in den Himmel ziehen wird. Sie hatten Zeit, sich mit der Thematik zu beschäftigen und lernten das zu akzeptieren, was nicht abwendbar war.

Opa stieg letzte Woche in die Himmelskutsche ein. Für meine Kinder war es keine Überraschung. Sie sind stattdessen erleichtert, dass Opa von seiner Krankheit erlöst wurde.

Warum ich euch das alles erzähle?

Es geht um Opas Beerdigung.

Meine Kinder haben sehr früh geäußert, dass sie daran nicht teilnehmen möchten. Sie wollen ihren Opa als lebendige Person in Erinnerung behalten. Die gemeinsamen Erlebnisse mit ihm  stehen bei ihnen im Vordergrund. Das Scherzen, das Lachen. 

Ihre kleine Kinderseele schützt sich anscheinend instinktiv vor den belastenden Eindrücken, dass da ein Sarg in der Kirche steht, alle Anwesenden schwarz gekleidet sind und jeder  betrübt sein wird.  Wir haben als Familie in der nahen Vergangenheit zwei unserer Kater beerdigt. Die Kinder wissen, wie man sich dabei und danach fühlt.

Nicht zur Beerdigung zu wollen hat meiner Meinung nach nichts mit mangelndem Respekt vor  Opa zu tun. Ganz im Gegenteil. Mein Schwiegervater hätte garantiert Verständnis für die Entscheidung der Kinder. Mein kleiner Sohn lächelt, wenn er an Opa denkt. Auf Spaziergängen winkt er fröhlich zum Himmel und ruft laut: „Hallo Opa!“ Ist es nicht das, worauf es ankommt?

Meine Schwiegermutter akzeptiert hingegen die Entscheidung nicht. Sie vertritt die Auffassung, dass es sich einfach dem Anstand zuliebe gehört, an einer Beerdigung teilzunehmen. Ihrer Meinung nach begreifen die Kinder erst, dass Opa tot ist, wenn sie am Sarg in der Kirche stehen. Meine Antwort, dass die Kinder dank meiner Geschichte längst begriffen haben, wird nicht toleriert.

Mein Mann steht auf der Seite seiner Mutter. Es begann den Kindern ins Gewissen zu reden. Also tat ich das, was ich in solchen Fällen zu tun pflege: ich habe mich schützend vor die Kinder gestellt. Bei uns wird niemand zu etwas gezwungen, das er nicht möchte. Schon gar nicht zur Teilnahme an einer Beerdigung.

Vorerst war anschließend Ruhe. Ich dachte, dass meine Schwiegermutter Einsicht zeigt. Da habe ich mich allerdings schwer getäuscht!

Nun ließ sie gestern durch meinen Mann den Kindern ausrichten, dass der Patenonkel nach der Trauerfeier mit den Jungs zum Angeln ginge. Meine Kinder lieben das! Die Spannung, ob ein Fisch anbeißt, bereitet ihnen stets großes Vergnügen.

Die Reaktionen waren prompt. Mein großer Sohn wollte natürlich jetzt unbedingt zur Beerdigung, der Kleine nach wie vor nicht. Die Zwietracht war gesäät. Ich spürte deutlich, wie sehr die Situation die Kinder belastete.

Eigentlich ging es meinem Großen bei seinem veränderten Beschluss gar nicht um die Trauerfeier, da wollte er nach wie vor  aus Überzeugung  nicht hin, aber die Verlockung des Angelns war stärker.  Der Kleine ließ sich davon nicht „ködern“. Er stand dazu, hier bleiben zu  wollen. Aber er war totunglücklich, vom Angeln dadurch ausgeschlossen zu sein.  Als es dann zum Streit und bitteren Tränen unter den Kindern kam, traf ICH eine endgültige Entscheidung!

Ich stellte meinen Kindern  frei, zur Trauerfeier zu fahren. Niemals würde ich mich solch einem Wunsch in den Weg stellen. Das Angeln habe ich hingegen verboten.  Es gibt noch viele andere Gelegenheiten, dieses Vergnügen auszuführen. 

Und was soll ich sagen? BEIDE Kinder kehrten zu ihrer ursprünglichen Meinung zurück, NICHT dabei sein zu wollen.

Natürlich sorgte mein Handeln für großen Stress. Meine Schwiegermutter ist entrüstet. Mein Mann stinksauer, weil er nun alleine dort hinfährt.

Es macht mich sehr betrübt, dass es zu diesem Disput gekommen ist. Warum zählt die Kindermeinung nicht? Schockiert bin ich, dass versucht wurde, die Kinder massiv zu manipulieren.

Auch ohne die Trauerfeier sind meine Kinder heute traurig. Stimmungen übertragen sich. Die Gewissheit, dass Opa sie nie wieder  lachend begrüßen wird, schwingt heute spürbar in der Luft mit. Wir werden den Tag besinnlich zuhause gestalten. Und später, wenn es nicht mehr so stark regnet, gehen wir spazieren und rufen Opa laut unser „Hallo“ entgegen.

Sagt, welcher Meinung seid ihr:  Sollten Kinder mit zu einer Beerdigung? Liege ich mit meiner oben geschilderten Ansicht falsch?  Oder versteht ihr meine Entscheidung, die ich (für mich) mit bestem Wissen getroffen habe?

 

 

Auch Anna Herrmann macht sich Gedanken zum Thema „Kinder,  Tod und Sterben “ hier der Link zu Ihrer Seite:

Kinderbücher zum Thema Tod und Sterben

 

12 comments on “Der Köder

  1. Hi,
    Ich finde, du schneidest da ein gutes Thema an. Die Meinung der Kinder wird in diesem Fall zu häufig nicht geachtet. Bei meiner Familie war es jedoch komplett andersherum. Mir wurde damals nicht gestattet mit zur Beerdigung meiner Oma, die ich so liebte, zu fahren. Ich war damals 8 und meine Eltern meinten, es sei besser, ich würde zur Schule gehen. Ich habe jahrelang darunter gelitten, mich nicht verabscheiden zu können. Meine Eltern haben mir den Tod allerdings auch nicht so erklärt, wie du es bei deinen Kindern getan hast. Für mich war die Beerdigung eben der Zeitpunkt an dem ich mich hätte Verabschieden können und der wurde mir genommen.

    1. Liebe Ulrike, schade, dass deiner Kindermeinung nicht stattgegeben wurde! Kinder fühlen, was ihnen gut oder auch nicht guttut. Warum hören die Erwachsenen so selten darauf? Gerade bei einer Beerdigung finde ich genau dieses jedoch elementar wichtig. Vielen Dank für deinen Beitrag!

  2. Hallo Mia,
    als Kind war ich nur zur Beerdigung meines kleinen Bruders (und die habe ich bis heute nicht vergessen, weil es das einzigste Erlebnis mit meinem Bruder war, das ich hatte). Ansonsten wurden wir Kinder gar nicht zu Beerdigungen mitgenommen. Ich weiß auch nicht, wie ich als Kind entschieden hätte, wenn ich ein Wahl gehabt hätte.
    Meine Großeltern sind erst gestorben, als ich schon 18 und älter war, da war es für mich selbstverständlich sie „auf dem letzten Weg“ zu begleiten.
    Erst kürzlich ist im Bekanntenkreis der Vater eines 5 jährigen Kindes gestorben, und für dieses Kind war die Beerdigung ein ganz wichtiger Teil zum Abschied nehmen. Das Kind hat sogar die Trauerfeier-Lieder ausgesucht.
    Kinder können ganz anders mit dem Tod umgehen, und sie können sehr wohl selber entscheiden, ob sie zu einer Beerdigung möchten oder nicht. Und der Wunsch des Kindes sollte akzeptiert werden.
    Ich finde es gut, dass du den „Angelköder“ entlarvt hast und dich schützend vor deine Kinder gestellt hast. Jeder hat seine eigene Art Abschied zu nehmen, und das muss nicht unbedingt auf der Beerdigung geschehen.
    Ich gehe auch nicht zu jeder Beerdigung von mir bekannten Menschen, oft habe ich schon vor dem Tod Abschiedsmomente gehabt, die für mich wichtiger waren.
    Und irgendwie bleibt man ja auch nach dem Tod mit den Seelen „in Verbindung“ und kann Abschied auch ohne Beerdigung nehmen.
    Herzliche Grüße,
    Annette

    1. Meine liebe Annette, vielen Dank für deinen schönen und sehr ausführlichen Kommentar. Ich stimme dir in allen Punkten zu. Ich für mich habe auch die Ansicht, dass ich nicht zwingend zu einer Beerdigung muss, um Abschied zu nehmen. Und der Verstorbene ist ja immer noch „erreichbar „, nur nicht mehr auf dieser Welt.

  3. Liebe Mia, ich hätte an deiner Stelle alles genauso gemacht. Kinder haben ein gutes Bauchgefühl was ihnen zuzumuten ist und was nicht. Unsere durften auch immer frei entscheiden, ob sie mitkommen wollten zu einer Beerdigung. Trauer und Abschied nehmen sind nicht an Orte, Zeiten oder sonstige Dinge gebunden. Ich brauche keine Kirche oder Friedhof um zu glauben oder zu beten. Alles das steckt in uns selbst. Etwas zu verlangen, nur damit es besser aussieht für andere, käme für mich auch nicht in Frage. Ganz liebe Grüße Marion

    1. Meine liebe Marion, herzlichen Dank für deine lieben Worte! Es tut so gut, Unterstützung zu erhalten. Ich weiß nicht, warum ich von der Schwiegerseite immer und immer wieder als schlechter Mensch dargestellt werde, aber dann ist es umso schöner zu erfahren, dass andere, wie du, nicht anders gehandelt hättet. Ich drücke dich!

  4. Hast du gut gemacht, Schwesterherz!
    Mir fällt es selbst noch als Erwachsener schwer, auf Beerdigungen zu gehen…man trägt die Person im Herzen! Alles andere ist nur Show für die anderen, weil es halt so gemacht wird…ich erhalte Anfeindungen, weil ich nicht ständig das Grab besuche….ich denke auch so ständig an die Verstorbenen….seid gedrückt…LG Pia

    1. Ich danke dir, meine Liebe! Lass dich nicht doof anmachen, ich denke auch sehr oft an Mama, ohne an ihrem Grab zu stehen. Sei lieb zurück gedrückt!

  5. Liebe Mia,
    ich wünschte, ich hätte meinen Kindern es damals auch so erklären können, als mein Papa ging. Sie wollten auch nicht zur Beendigung und auch nicht vorher zur Trauerfeier. Sie wollten nicht sehen, das wir alle traurig waren und weinten. Mir war es auch ganz recht so. Denn ich wollte die beiden damit auch nicht noch mehr belasten .Irgendwie, hatte ich aber das Gefühl, ich könnte was damit falsch machen. Auf jeden Fall, habe ich etwas gemacht, was meine Mama und meine Geschwister nicht verstehen würden.Sie wären entsetzt! !!! Ich habe beim Beendigungsinstitut gefragt, ob man von dem Sarg in der Kapelle. ..also mit den Blumen, Fotos bekommen könnte. Sie sagten sofort ja. Diese Bilder, wollte ich haben, für den Fall, dass die Kinder mich fragen, wie wir Opa verabschiedet haben. Auch die komplette Beschreibung und den Ablauf der Trauerfeier, hab ich noch. Wenn meine Kinder verlangen danach haben, können sie es gerne ansehen. So wie Du es mit deinen Kindern machst ist es perfekt. Sie haben ein Recht auf ihre Meinung und haben schließlich Gefühle. Das sollte man immer respektieren und akzeptieren! !!! Mit Angeln zu ködern, ist ganz schön hinterhältig! !! Du machst es genau richtig

    1. Gisela, nun habe ich Tränen in den Augen, weil deine Worte mich sehr berühren! Ich bin immer wieder erstaunt, auf welche Ideen wir Mütter kommen. Du bist auch ganz toll, den du hast das Wohl deiner Kinder ernst genommen. Und vielleicht fragen Sie eines Tages nach den Fotos. Wenn nicht, haben sie ihren Frieden mit der Situation bereits gefunden. Ich umarme dich!

  6. Hallo Mia – fühl dich gedrückt. Ich kann dein Handeln voll nachvollziehen und hätte es ganz genauso gemacht. Das Argument „Anstand“ zieht bei mir per se nicht und ich hätte die Entscheidung IMMER vom Wunsch der Kinder abhängig gemacht. Schade, dass dein Mann nicht mitgezogen hat.

    1. Liebe Susanne, ich freue mich über deine Zustimmung. Gott sei Dank ist nun alles bereits wieder Vergangenheit. Nun wird die Zukunft zeigen, wie das Verhältnis zur jetzt alleine lebenden Oma sich gestaltet. Meine Kinder sind froh, zuhause geblieben zu sein. Und ich bin glücklich, weil ich stark geblieben bin. Mein Mann hat ein schlechtes Gewissen, dass er Stress gemacht hat. Es ist nicht immer leicht, eine Familie zu sein.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

5 × 5 =