A wie B und C

Fakten:

Gebundene Ausgabe:                      352 Seiten
Autor:                                                     Alexandra Kleeman
Verlag:                                                   Kein & Aber
Erscheinungsdatum:                      5. April 2016
ISBN:                                                      978 – 3036957340

 

Blick ins Buch:

„A ist eine attraktive junge Frau. B ist ihre Mitbewohnerin, die um jeden Preis so aussehen möchte wie A. C ist der Freund von A und schaut mit ihr am liebsten Haifisch-Dokumentationen oder Pornos. Als A eines Tages verschwindet, ahnen B und C nicht, dass sie sie womöglich nie wiedersehen werden.
A wie B und erzählt mit scharfem Blick und hintergründigem Humor von unserer Obsession, perfekt zu sein: wie Realityshows, Werbung und abstruse Trends uns in Beschlag nehmen und zu Leibeigenen unseres Körpers machen.

Über die Autorin:

Alexandra Kleeman wurde 1986 in Boulder, Colorado, geboren und lebt heute in New York. Ihre Kurzgeschichten und Essays sind bereits in renommierten Zeitschriften erschienen. A wie B und C ist ihr erster Roman, für den sie mit dem Bard Fiction Prize 2016 ausgezeichnet wurde.

Cover:

Das Buch hat einen festen Einband. Die Farbgestaltung ist edel. Wie in der Geschichte dominiert Weiß, das von Schatten durchbrochen wird. Ein kleines Stück Oberarm und ein Teil der weiblichen Brust sind sichtbar. Für mich ist das stimmig, denn im Roman schildert eine Frau das Geschehen. Die goldene Schrift ist sehr symbolträchtig. Gold steht für: Transmutation und Urteilsvermögen und ist somit zum Inhalt des Buches absolut passend gewählt.

image

 

Aufbau und Stil:

Der Roman ist in drei Teile gegliedert. Der Schreibstil ist außergewöhnlich. Die Dialoge sind „schräg“ und die Thematik ausgefallen. Der atypische Schreibstil ist nicht einfach zu lesen. Es bedarf der Konzentration. Der Leser ist aufgefordert abstrakt zu denken, um den Inhalt des Buches verstehen zu können.
Obwohl der Lesen zum Schluss kommen könnte, dass der Inhalt eine wirre Aneinanderreihung abstruser Szenen ist, schafft es die Autorin einen Spannungsbogen aufzubauen und diesen bis zum Ende des Buches zu halten.

Meine Meinung:

Das Buch hat zu Recht den Bard Fiction Prize 2016 gewonnen, denn es ist genial geschrieben. Es ist nicht einfach zu lesen, aber wer sich die Mühe macht, es verstehen zu wollen, wird dabei voll auf „seine Kosten“ kommen und Spaß beim Lesen finden.

Ich möchte gleich zu Anfang einen wohl gemeinten Rat geben: wer dieses Buch liest, sollte sich von Anfang an auf eine höhere Ebene des Lesens begeben. Der Inhalt ist nicht im Geschriebenen zu erfassen, sondern in den Zeilen hinter den Zeilen.
Was ich damit sagen will ist, dass derjenige, der versucht den Inhalt nur durch das geschriebene Wort zu erfassen bald feststellen wird, dass das Gesamtwerk keinen Sinn ergibt. Die Handlung ist abstrus, diffus, chaotisch, grotesk, unklar. Ebenso die Dialoge. Aber worum geht es dann?

Alexandra Kleeman ist mit ihrem Roman gelungen, dem Leser die Wirkung von Werbung, Realityshows und abstrusen Trends, die über das Fernsehen verbreitet werden, darzustellen. Schauplatz des Geschehens ist unser menschliches Gehirn. Von hier innen wird geschildet, was Medienbeeinflussung bei uns bewirkt.

Veranschaulichen möchte ich den Inhalt des Buches am Beispiel der Krankheit „Multiple Persönlichkeit“. Personen, die an dieser Krankheit leiden, weisen mindestens zwei verschiedene, eigenständige Identitäten auf, die immer wieder versuchen, ihr Verhalten zu kontrollieren.
Die einzelnen Persönlichkeitszustände können jeweils unterschiedliche Namen, Altersstufen, verschiedene Sprachen und anderes mehr besitzen. In der Regel gibt es eine primäre Identität. Diese hört auf den ursprünglichen Namen der Person und zeigt sich im Vergleich zu den anderen Identitäten eher zurückhaltend, niedergeschlagen und schuldig.
Die anderen Identitäten wirken meist feindselig oder kontrollierend gegenüber den weiteren Identitäten und treten nur in bestimmten Situationen in Erscheinung. Meistens findet ein Identitätswechsel als Folge einer akustischen oder visuellen Eingebung (Halluzination) statt. (Quelle: www.psycheplus.de)

Und so ist es auch im Buch. A ist die Hauptidentität. Beeinflusst durch die Medien tritt B mit in Erscheinung. B ist im Buch somit das veränderte „Ich“. C ist das Gefühl. Verändern wir unsere Denkweise und daraufhin unser Verhalten, verändert sich das Gefühl, oder wird gänzlich unsichtbar.

Im ersten Teil erlebt der Leser die Beeinflussung und die damit einhergehende Veränderung des Selbst. Aus A wird immer mehr B, weil B sich stetig A angleicht. Aber noch ist A im Lot. Deshalb existiert auch noch C (das Gefühl). Das bedeutet: wer viel fernsieht, wird stark von dessen Inhalten beeinflusst.

Der zweite Teil des Buches schildert die Verschmelzung von A und B und das Verschwinden von C. Soll heißen, wenn wir unsere Eigenständigkeit aufgeben, um so zu leben, wie wir es im Fernsehen sehen, geben wir unsere Persönlichkeit auf. Wir werden Doppelgänger. Einer von vielen!

Der letzte Abschnitt zeigt die Entfernung von der Identifikation. Sobald wir die Symbiose aufgeben und wieder eine eigenständige Denkweise zulassen, kehrt unser persönliches Gefühl zurück (also symbolisch C).

Ich für mich habe die Abschnitte des Buches wie folgt benannt: 1. Verstrickung, 2. Verschmelzung, 3. Ablösung.

Nicht nur mit ihren Worten macht die Autorin die Verwandlung spürbar, sondern auch durch die subtil eingesetzte Farbwahl in der Geschichte.

Im ersten Abschnitt dominiert die Farbe Orange. Diese Farbe bedeutet in der Psychologie: Freude, Lebhaftigkeit, Lebensbejahung. 
Im zweiten Abschnitt taucht Weiß auf. Diese Farbe ist in der Farbenlehre „die Summe aller Farben“. Somit ein weiterer versteckter Hinweis auf die Verschmelzung. Die Denkweise ist steril, nicht mehr eigenständig.

Im dritten Abschnitt führt die Autorin den Leser zur Farbe Blau hin. Blau symbolisch für Entspannung. Alexandra Kleeman arbeitet auch bewusst den Komplementärkontrast der Farben in ihren Roman ein (Orange als heißeste Farbe im Farbkreis, Blau als die kälteste).

Fazit:

Ein fantastisches Buch, wenn man sich die Mühe macht, mit Köpfchen zu lesen. Gefragt ist das eigene Gespür, die Empfindsamkeit des Lesers, um die „Botschaft“ des versteckten Inhaltes empfangen zu können.
Auf eine bestimmte Art und Weise erinnert mit die Schreibweise etwas an das Buch „Momo“ von Michael Ende, in dem die grauen Herren als die „Zeitfresser“ bezeichnet werden. Hier im Buch sind es die „Esser“; die die Eigenständigkeit des Medienkonsumenten löschen.
Wer es schafft, den Roman aus einer Metaebene heraus zu lesen, kann das Buch nicht mehr aus den Händen legen. Ich war mit meinen Empfindungen gefangen, verstrickt, gebunden. Am Ende des Buches ließ mich die innere Anspannung los. Eine deutliche Entspannung war spürbar.

Von mir erhält das Buch 5 von 5 möglichen Sternen

Ich bedanke mich herzlich bei vorablesen.de und dem Verlag Kein& Aber, dass ich das tolle Buch lesen und rezensieren durfte

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

3 × eins =